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Full text of "Enthüllungen über den Simonides-dindorfschen Uranios: Zu einem Geschichtsabriss über Simonides ..."

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Uit/JL fiUoJuo^^ 



y 




Enthüllungen 



über den 



Simonides-Dindorfschen Uranios. 



Zweite, 

zu einem Geschichtsabriss über Simonides , den Hermastext und das 

Leipzig-Berliner Palimpsest erweiterte, sowie mit Berichten und 

paläographischen Erläuterungen Prof. Tischendorfs u. Anderer 

vermehrte Auflage. 



Von 



Alezander Lykurgos. 



<pvcig OUT* iv Xoyois ovr* iy eQyoig 
ayafjia^tfitog elyai' x^arlfftri «fc ^. nXeiata 
fÄ€y inirvyxciyovffa ^ ikaxiffta de äatoxova«. 
Dion. Halic. de Tbucyd. Jud. III. 



C Leipzig, 

C. L. Fritzsche 
1856.- 



§'M 2, 6 



/Srd't ^M^ 



, /2. 






so 



Als ich in der letzten Woche des Januar meine zunächst nur für ein 
öflfentliches Blatt Deutschlands bestimmte Schrift unter dem Titel 
„EnthuUun§^en'* ausarbeitete \ stand ich wohl in der Zuversicht, dass 
es mir damit g^eling^en werde, den merkwtirdig^en Palimpsest-Betrug 
des Herrn Simonides ans Licht zu bringen und weitere Erfolge sei- 
ner far die Wissenschaft so gefährlichen Kunst in dem gelehrten 
Deutschland , dem ich selber seit Jahren meine Bildung verdanke, 
und das vnr in meinem theuren Vaterlande nur mit grosser Dankbar- 
keit nennen, zu verhüten: aber das könnt' ich nicht ahnen, dass 
schon nach wenig Tagen die ganze Sache eine so ernste und be- 
deutsame Wendung nehmen werde, dass ausser dem von mir fest 
allein als hartnäckigen Gläubigen und Bewunderer des Simonides 
ins Äuge gefassten philologischen Professor zq Leipzig noch eine 
ganze hochgelehrte Corporation zu Berlin und besonders d^r be- 
rühmte Aegyptolog derselben so tief iri den Uraniosstrudel hinein- 
gerissen worden sei, und dass endlich an dieser Angelegenheit nicht 
nur die gelehrte, sondern auch die gebildete Welt in und ausser 
Deutschland das lebhafteste Interesse zeigen und dasselbe auch auf 
meine «unbedeutende Schrift übertragen werde. In Folge dieses In«^ 
teresses und jener ungeahnten Ereignisse ist denn auch eine neue 
Herausgabe meiner „Enthüllungen*' nöthig geworden. Ich unterziehe 
mich derselben um so lieber , w<^il ich nunmehr veranlasst und im 
Stande bin, viel vollständigere Aufschlüsse zu geben, theils in Be- 
zug auf die 'Palimpsesthändel und ^ie Hermas - Publikation , theils^ 



1. Mit diesen Worten leitete ich dieselben eia: „Die Sache der Wahr- 
heit, das Interesse der Wissenschaft und die Ehre meines Vaterlandes 
legen mir die Pflicht auf, einen groben literarisehen Betrag ans Licht 
zu hringen , dessen Opfer zunächst und zumeist ein durch seine Arbeiten 
weit bekannter und geachteter Philologe des gelehrten Deutschlands ge- 
worden ist. Mit diesem letzteren eine Lanze brechen zu wollen, was 
von der gestellten Aufgabe unzertrennlich ist, das könnte wohl einen 
jungen Mann , der jetzt eben der Vollendung seiner Studien in Deutsch- 
land obliegt, dem Verdachte grosser Anmassohg aäs^etzen: abei' das 
Pflichtgefühl in ein^r so ernsten und wichtigen Sache ist gebieterische^ 
als jede Rücksichtnahme vind jede Bedenklichkeft." 

i 



über den Entdecker des Hermas und, was in derselben Person ver- 
einigt ist, den Urheber der Palirapseste selbst. 

Ich werde hierbei so verfahren, dass ich zuerst genau und 
streng geschichtlich den Verlauf der Leipziger Verhandlungen er- 
zählen werde, ohne auszuschliessen was in der letzten Zeit von 
Berlin aus in derselben Sache geschehen ist, soweit mir dies zuver- 
lässig bekannt geworden. Hierauf werde ich einen kurzen kriti- 
schen Versuch über den Text des Uranios unternehmen, und zu- 
letzt eine biographische Skizze über Simqnides geben. 

Demnach hab' ich darauf zurückzugehen , dass Simonides den 
M, JuU 1855 nach einem zweijährigen Aufenthalte in England 
nach Leipzig kam, und hier in demselben Hause mit mir seine 
WobnujQg nahm. Dies geschah besonders zur Mitbenutzung des bei 
mir wohnenden deutschen Lehrmeisters Dr. Uhlemann. Ich selbst 
hatto nichts dagegen. Denn obgleich ich nicht unbekannt war mit 
dem sehr -zweideutigen Rufe, den er bei seinem Weggange von Grie- 
chenland hinterlassen hatte, so achtete ich doch an ibm manche 
schätzbare Eigenschaften und Fertigkeiten^ welche ihn, so schien es 
mir, unter einer guten Leitung zu einem sehr nützlichen Manne ma- 
cbea konnten; ich betrachtete seine Fehler, seine erstaunlichen Ein- 
falle und angeblichen Entdeckungen, ganz besonders als Auswüchse 
einer Alles überwucherndefi Phantasie, durch deren Zügelung, wenn 
si6 nur erst gelungen wäre, seine guten Anlagen günstigen Spiel- 
räum gewinnen würden; ich ermunterte ihn deshalb stets zum Gu- 
ten, entschuldigte auch gegen Andere seine Fehler, und hielt ihn, 
sowohl moralisch als wissenschaftlich betrachtet, allerdings nicht für 
fähig, solche literarische Betrügereien auszuführen, die mehr als 
einen, unüberlegten Eifer verratben und nicht sofort bei kundiger 
Prüfung erkenntlich sein sollten. Wenn ich in dieser Auffassung 
und Beurth^üung des Herrn Simonides eine grössere Nachsicht ge- 
zeigt habe, als es nun, nachdem seine allerwärts vollführten betrü- 
gerischen Handlungen bekannt geworden sind, in den Augen unpar- 
teiischer Beurtheiler und vor meinem eigenen Gewissen gerechtfertigt 
erscheint : so darf ich doch zugleich hoffen , man werde die Theil- 
naihme eines Landsmannes an Sitnonides erklärlich finden und ent- 
schuldigen, wenn man damit die Thatsache zusammenstellt, dass 
so viele gelehrte, hochgeachtete, bedeutende Männer in Deutschland, 



\ 



die doeh gleichfalls von den früheren Vorfällen mit Simoaides durch 
öffentliche Blätter längst unterrichtet waren, in solche Vertrauens- 
verhältnisse, ja -zum Theil selbst, wovon weiter unten der Beleg 
gegeben werden wird, in intime Be2ip4)ungen zu ihm getreten sind; 
und dass, was noch mehr ist, der vertrauensvolle Glaube an die lite- 
rarischen Herrlichkeiten dieses Mannes bei seinen deutschen Freun- 
den sogar dann noch aushielt, als ich selbst die von seinen argen 
Schwindeleien gewonnene Ueberzeugung zur Aufklärung und War- 
nung rückhaltslos verbreitete. 

Nachdem also im Juli 1855 Simonides nach Leipzig und zu 
mir gekommen war, machte er mich sehr bald damit bekannt, dass 
er mehrere alte griechische Handschriften aus den Athos* Klöstern 
mitgebracht habe. Da der Inhalt derselben kirchlich war, so inter- 
essirte ich mich sehr dafür und theilte es Herrn Prof. Anger mit, 
den ich schon näher kennen und schätzen gelernt hatte. Er veran- 
lasste uns, mich und SimonideS', Ende Juli mit ihm auf die Univer- 
ntäts-Bibliothek zu gehen, um daselbst nähere Kenntnissnahme von 
den Mannscripten zu veranlassen. Das eine derselben enthielt Reden 
des für die griechische Kirche so wichtigen Gregorius Palamas, zum 
Theil in Abschrift von Simonides Hand; das zweite einige Reden 
des Nikolaus Methonensis; ein drittes, nur aus 3 Blättern bestehend, 
enthielt den flermas. Ais diese 3 in einem der beiden andern Mss. 
liegenden Blätter von Prof. Anger bemerkt wurden, fragte er, was 
es sei. Simonides antwortete ganz einfach: „Das ist Hermes'*, ohne, 
wie es schien, besondern Werth darauf zu legen. Da diese Au^unft 
aber sogleich grosses Erstaunen erregte, weil ja der griechische 
Text des Hermas noch gar nicht bekannt war, setzte Simonides hin- 
zu , dass er den übrigen Theil der Handschrift vom Athos abschrift- 
lich mitgenommen habe, doch wisse er nicht, ob er diese Abschrift 
mit nach Leipzig gebracht. Man erklärte sich geneigt auf die Uebcr- 
nahme und Herausgabe des Manuscripts einzugehen, wenn sich die 
Abschrift vorfände, und ersuchte ihn auf diesen Fall, sowohl die 
3 Originalblätter für den Druck gut abzuschreiben, als auch seine 
Athos-Abschrift. Am Abende desselben Tages noch hatte ich das 
Vergnügen, dem Herrn Oberbibliothekar mitzutheilen, dass sich die 
At>schrift vorgefunden. Ich theilte zu gleicher Zeit mit, dass mir 

die Schri^ schwer leserlich und auch corrupt vorgekommen sei. 

1* 



Dfeshalb, und well ich bei der Reinschrift behulflich zu sein ersQcht 
worden war, wurde mir zur Verdeutlichung etwaiger dunliler Stellen 
ein Exemplar des lateinischen Hermastextes in Hefele's Ausgabe von 
der UniTersttäts -Bibliothek geliehen. Es fisinden sich hierbei in der 
That mehrere Stellen , die einer Hülfe des lateinischen Textes be« 
duiften, z. B. stand i x^^^ anstatt, wie der lateinische Text ergab, 
^X ^99^' ^1b icb Jedoch von Prof. Apger aufmerksam gemacht 
wurde auf die Bedenklichkeit solcher Nachhülfe, unterliess ich die 
letztere, und Simonides wandte sich dafür an den schon oben erwähn* 
ten seitdem verstorbenen Dr. Uhlemann, einen bei aller Formlosig- 
keit der Erscheinung sehr scharfsichtigen und gelehrten Ifonn, der, 
ohne die Unkritik des Simonides zu fürchten oder zu scheuen, ihm 
alle undeutlichen und mangelhaften Stellen seiner Abschrift nach der 
lateinischen Üebersetzung verdeutlichte. Als ich und Uhlemann den 
St»onides ausdrücklich warnten, von den Resultaten der lateinischen 
Vergleiehung in seiner Abschrift Gebrauch zu machen, entgegnete 
er uns ärgerlich: „Ich bin nicht so dumm, um dergleichen in den 
Text zu setzen.*' Ich beruhigte mich damit so gut wie Prof. Anger. 
Am 1. September überbrachte Simonides alles Manuscript für den 
Hermas, sowohl die verlangten und zum Drucke bestimmten Ab- 
schriften, als auch die Originalblätter nebst der angeblichen Athos- 
Abschrift. Da bemerkte Prof. Anger eine Stelle in der letzteren, die 
ihm sehr nach einer Rückübersetzung aus dem Lateinischen aussah.^ 
In Folge davon verzog sich der Abschluss des Kaufes der 3 Original- 
blätter und der Athos- Abschrift bis zum 8. Septbr. Da nun hatte 
ich keine Ueberzeugung (wie Herr Prof. Dtndorf in seinem Auf^tze 
Deutsche Allgem. Zeitung Nr. 31. angibt^) ausgesprochen, dass die 

1. Siehe gleich nachher die Note 1, S. 5., auch D. A. Ztg. Nr. 33. 

2. So heissts dort wörtlich: „Nachdem Simonides im Sommer vor. 
Jahres nach Leipzig gekommen war, bot er der UoiTersitats-Bibliothek 
das echte Bruchstück einer spätem papiernen Handschrift des Hermas 
an, nebst der, angeblich auf dem Atbos von ihm gemachten Abschrift 
des ersten Theils, dessen Original er nach seinfr Yersicheruog nicht 
hatte in seinen Besitz bringen können. Erregte auch die Angabe aus 
dem Munde eines in schlechtem Rufe stehenden Mannes wie Simonides 
einiges Mlsetrauen, so fand sich doch in dem Inhalt der Abschrift, wie 
Prof. Anger in seiner Vorrede zum Abdruck des Hermas behauptet hat, 
kein haltbarer Grund, dem naheliegenden Gedanken, dass die Abschrift 
Tielleicht nur eine Rückübersetzung der alten lateinischen Uebersetsaog 
sei, Raum zu geben, was natürlich die Möglichkeit nicht assschliesst, 
dass sich Simonides bei Anfertigung der Abschrift mancherlei Freiheiten 



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äX 



Abschrift die eclite^ \Väre: denn wir alle, sowohl ich als d^ Herr 
Oberbibliothekar ond Prof. Anger, dachten, dass Simonides die erste 
Abschrift, wie verlangt wurde, abgab. Als nun aber spSter, Ende 
September , Professor Anger die gedruckten Gorrecturbogen mit mir 
nach der vermeintlich ursprünglichen Athos- Abschrift revidirte, da 
entdeckte ich aus einigen Auslassungen ^egen die Reinschrift, dass 
^monides keineswegs seine Atbos-Abschrift, sondern eine Abscfarifl 
seiner Reinschrift, und zwar eine durch nachlässige Auslassungen 
gegen diese Reinschrift selbst entstellte gemacht und übergeben 
hatte. Ich erstaunte so sehr als Prof. Anger. Ich gehe nach Hause 
und verlange Rechenschaft von Simonides. Nachdem er zunädist 
entschieden geleugnet, bringt er 3 Blätter hervor, die, als mit Tinte 
verunstaltet, sein Verfahren rechtfertigen sollten.^ Diese B Blätter 
hat nun Simöhides an die Universttäts-Biidiothek auf unser Verlangen 
sogleich abgegeben. Als später noch einige Auslassungen sich fan^ ^ 
den, musste er mir gestehen, dass er allerdings nicht die erste Ab^ 
Schrift ausgeliefert hatte, und dass auch die mit Tinte verunstalteten 
S Blätter, wie schon angegeben, nur einem missglüc^en Abschrifts- 
versuche angehörten; doch war er bereit,' die sich findenden Aus- 
lassungen durch kleine Blättchen nach der in seinen Händen befind^ 
liehen ersten Athos-Abschriit zu ergänzen. Ich war ganz ausser mir 
darüber, allein die Auslieferung verweigerte Simonides, der verschie- 
dene am Rande angebrachte Noten als Hinderniss geltend machte, 
so hartnackig, dass ich 5ei weitern Schritten die Zerstörung des 
ganzen ;3o weit schon vorgeschrittenen Druckunternehmens fürchten 



genemmen habe. Es wurde demoaeh das Brachstück der Originalhand* 
Schrift Debst der Simooideischen Abschrift des ersten Theiles für die 
Leipziger Uoiv.-Bibliothek erworben. Bei Abschfuss des Geschäfts war 
eia anderer damals mit Simonides zasammenwohnender Grieche , der in 
Leipzig Theologie studirt, behülflich, und sprach auch seinerseits die 
Ueberzeugung aas, dass die der Bibliothek übergebene' Abschrift die 
erste und echte von Simonides gemachte sei." 

1.. Es war darauf eine Stelle nsgl vdg ygeccpägy die Prof. Anger als 
einer Rückübersetzung verdächtig betrachtet hatte. Simonides woHte die- 
selbe dadurch unschädlich machen, dass er mit paläographischer Kuast 
die Stelle doppelter Lesung f^hig machte , als ns^l v&g ygatpäg and als 
7gs(fl ti^v ivvoiav rov nvqyov, Vergl. Herrn. Vis. 111, 3. Es war ihm 
missglückt, darum hatte er das betreffende Blatt mit andern dazu gehö^ 
rigen entfernt und ersetzt. Ebenso war er mit dem ans Latein sich anleh* 
nenden Worte dovtMpiUov verfahren, wofür er überall das aas dem griech.- 
latein. Lexicon von Ulrichs entRommene hBoaXtov setzte. 



6 

muBste« Icfa gab mich endlich zufrieden , weil doch der ganze Scha^ 
den theils auf Nachlässigkeiten , die Simonides auszugleichen ver-^ 
sprach und aucb wirklich ausglich , theils auf Kleinigkeiten , wie es 
schien, hinauslief. Dass ich mich dabei herubigte, habe ich natürlich 
längst bedauert. 

Der Grund, weshalb Simonides diese Veruntreuungen im Her- 
mastexte ausführte, wurde mir erst später genug klar. Er hatte näm- 
lich den Plan gefasst, ein Palimpsest des Hermas zu verfertigen, 
wozu er muthmasslich altes Material reservirte. Bei Ausführung 
dieses Planes verfuhr er so, dass er angabt es müsse sich noch bei 
seinem Bruder in Alexandrien ein altes Palimpsest in den dort zu^ 
rückgelassenen Handschriften befinden. Er schrieb daher im Sep- 
tember 1855 nach Alexandrien, angeblich um sich dieses Palimpsest 
kommen zu lassen. Sein Benehmen dabei fi()S6te mir aber starken 
Verdacht ein, dass er mit Betrug und etwa gar mit Fertigung eines 
falschen Palimpsests umgehe. Da ich selbst in die Folgen eines sol- 
chen Betrugs mit verwickelt werden konnte , so war ich darüber in 
grösster Unruhe, und äusserte mich auch gegen einige meiner Lands- 
leute, wie gegen die Herren Moschonesius und Livada. Schon drei 
Wochen nach Absendung des Briefes nach Alexandrien gab Herr Si-* 
monides vor, eine Antwort von dort mit dem gewünschten Palim- 
psest nicht durch die Post , sondern durch einen von Alexandriea 
durch Leipzig nach London reisenden Kaufmann erhalten zu haben, 
der das Briefpaket der Leipziger Stadtpost übergeben habe. Hatte 
ich schon vorher Zweifel in die Ehrlichkeit der Sache gesetzt, so 
wurden sie jetzt noch, vermehrt durch diese Angabe, dass binnen 
3 Wochen ein Brief von Sachsen nach Alexandrien gelangt uad auch 
die Antwort von dort und zwar durch einen Privatreisenden wieder 
hierher zurückgekommen sei. Der Bruder in Alexandrien^ war je- 



1. Ich mu88 hier bemerken, dass am 4. März dieser Bruder des Sl* 
monides aus Alexandrien in Leipzig eintraf, um anf die liberale Einladung 
seines Bruders Konstantin hier Medizin zu studiren. Er war schrecklich 
übemascht durch die Nachricht von den hiesigen Vorialien. ^ Da sich der 
Palimpsestkünstler auf die bei seinem Bruder zu Alexandrien in seinem 
Koffer noch zurückgelassenen Handschriften, besonders Palimpseste (derep 
Zahl er auf vierzig angab), öfters berufen hat, so wurde er von einigen 
Landsleuten gleich nach dem iManuscriptenkolTer gefragt. Aber von diesem 
Schatze wusste der arme Bruder nicht das Geringste. Diese Nachricht 
wird am betrübendsten sein für Herrn Prof. Dindorf, der nach seiner 
Erklärung vom 3. I^ebr. (D. A\i^. Ztg. Nr. 31.) „andere in seinem Besitz 



denCatls vielmehr zu einer fatecben , auf die an|[^bliclie üefeftrfteadoag 
bezügHclien Mittbeilang instruirt worden, als dase er trotz aller üq- 
kenntniss das Paliitipsest gefunden und gesi^hiekt haben soike. Als 
mir im Oet. Simonides das erste Blatt dieses Faiimpsests zeigte, sagt^ 
ieh zu ihm : ,, Verbirg das und zeige es Niemand^'; and als er fragte: 
„War«m?'' antwortete ieh : „Du weisst es am besten." Ich gab ibn^ 
damit offen zu erkennen, was ieh i^berdie Sache dachte. Ich konnte 
im innem Kampf über diese Sache drei Mchte lang nifsht schlafeaL. 
Sottte ich auf meinen- Verdacht hin sofort gegen Simonides au^ 
tf eten ? Oder hatt' ich andere Pflichten gegen ihn ? Vierzehn Tage 
später langte allerdings ein Brief von Simentdes Bruder an, imd 
Simonides zeigte ihn zu seiner Beglaubigung Anfiing Decembet 
Herrn Dr. W. Dindorf vor, von dem er auch als wahr und riebtig 
anerkannt wurde. Zu derselben Zeit nämlich» Anfang Deoembei/ 
war dem Simonides durch den Glauben, den er bei hiesigen Gelehr« 
ten, besonders bei Prof. W. Dindorf, iand, der Math so sehr ge- 
wachsen , dass er selbst mit dem auf meine frühere ernste Mahnung 
so lange zurückgehaltenen Palimpsest des lief mas hervortrat. Dioch 
davon und auch vom Hermastexte mehr, bi$ der Verlauf der Usanios- 
angelegenheit bis zu demselben Zeitpunkte von mir erzählt sein wird* 
Mit dem üranios verhält sichs nämlich folgendermaassen« 
Als der Druck des griechischen Hermastextes im Gange war und ich 
deshalb öfters mit Herrn Prot Anger zu verkehren hatte, kündigte 
mir derselbe gegen das Ende des Monats August eines Tages sa, 
dass Herr Prof. Wilh. Dindorf die Simonideischen Manusctipte, und 
namentlich das Uraniospatimpsest zu sehen wünschte, weshalb ex 
ihn Tags darauf mitbringen werde. Als ich hiervon Herrn Simonides 
benachrichtigte, war er sehr unzufrieden daröber. Er fragte mieh 
besonders, ob denn Prof. Dindorf Paläographie verstehe. Ich ant- 
wortete ihm: „Das kann wohl sein, doch weiss iehs nicht." Des 
folgenden Tages nun, eines Sonnabends, dcj^ 25. August, wenn 
ich nicht irre, kam in der That Prof. W. Dindorf in Begleitung des 
Prof. Auger zu uns, und Simonides legte mit augenscheinlicher Zu- 
räekhaltung und Befangenheit das erste Blatt des Uramos vor. ha 



befindliche, jedoch noch uicht nach Leipzig gelaugte Handschriften des 
Simonides, daiern sie echt seien, ans Licht ziehen" und dazu die Berli- 
ner äelder verwenden wollte. So folgt ein harter Schlag auf den andeinl 



Aet bei dieser Ansicht Herr Prof. Dinderf sogldch dahin sich sus-- 
sprach: „Man Jkann nicht zweifeln, dass die Sache echt sei'^ so 
fesste ßimonides Math und brachte noch mehr zum Vorsehen. Bei 
dem steigenden Interesse, das Prof. Dindorf zeigte, holte Simonides 
auch seine eigenhändige Abschrift oder richtiger Reinschrift vom 
grössten Tbeile des Uranios herbei. Dindorf fragte^ ob diese Ab- 
schrift genau sei; Simonides bejahte. Ich selbst jedoch bemerkte 
dazu : „Ich glaube, die Abschrift ist nicht so genau.'' Denn da ich 
in dieser Abschrift die mir früher zugesendeten Specimina mit mei- 
nen Gorrekturen (siehe Seite 10.) wiedererkannte, so konnte sie un- 
möglich die genaue Abschrift des alten Manuscripts sein. Die j^rago 
Dindorfs, ob Simonides das Manuscript zur Herausgat>e verkaufen 
wolle, wurde bejaht, und Prof. Dindorf erklärte darauf: , Jüan muss 
damit nicht an hiesige Buclihändler gehen , die von der Sache nichts 
verstehen und darum nicht viel geben würden. '' ' Er fugte deshalb 
hinzu, er stehe mit vielen Akademien in Gorrespondenz und könne 
den Vermittler machen, um die Sache an die Akademie zu Oxford 
zu bringen. Da bekomme Simonides 2 bis 300 Pfund. 

Von dieser Zeit an, also während des Monats September, kam 
Prof. Dindorf jede Woche wiederholt zu Simonides, um den Uranios 
näher zu untersuchen.' Zur grossen Erleichterung dieser Unter- 
suchungen lag die schon genannte, den grössern Theil des Palim- 
psestes, d. h. das ganze erste und fast auch das zweite Buch der 
ägyptischen Königsgeschichte, umfiissende Abschrift von der Hand 
des Simonides vor. Dadurch, und weil Prof. Dindorf auf die Genauig^ 
keit dieser Arbeit vertraute, wurde es auch überflüssig, Prof. Ti* 
schendorf, wie ich vorsclüug, zur Entzifferung herbeizuziehen. Die 
F^tigkeit des Herrn Simonides erkannte dagegen Prof. Dindorf schon 

1. Diese Andeutung^ bezog sich darauf, dass der Verleger des Her- 
Bias den sehr hoch gespannten Forderungen des Simonides, der durch 
seine glänzenden Geschäfte mit dem Baronet PhilHpps in Middlehill an 
die englischen Pfundrtchnungen gewöhnt worden , für die Dnickabschrift 
nicht, entsprochen hatte. Ich hatte ihn endlich dazu, sich mit der ge- 
botenen Summe zu begnügen, dadurch bewogen, dass ich ihm die wis- 
senschaftliche Wichtigkeit des ihm geglückten Hermasfundes vorführte, 
woduEch er den Flecken (^»os) wieder abwaschen werde, den er durch 
andere Sachen in der gelehrten Welt seinem Namen zugefugt. Ich er- 
zählte auch Prof. Anger u. Anderen, dass mir auf diese Weise die Zu- 
friedenstellucfg des Simonides gelungen. 

2. Davon sagt der Aufsatz vom 5. Febr. D. AUg. Ztg. Nr. 31. : „Diese 
Handschrift wurde miir zur Begutachtung vorgelegt." (!) 



beim zweiten Besuche, weon ich niefat irre, damit an, dass er ihm 
eli^ExempUir seines Homer mit der Inschrift verehrte : Ktawaxavxlvf^ 
Sifioyyiip, ävd^i no'kvfiu^tazaxw mu. rwv UQX^'tiiov ßißXwv na-o 
Xifi^t/jjüT(ov^ avayvmaxfi yivyxiwg o^visQXiexiQW (dem hochgelehr- 
testen Konstantin Simonides, in der Lesung der alten Palimpsesten 
scharfäugiger als Lynkeus). Um den Anfang des October schickte 
nun Prof. Dindorf einige aus den ebengenannten Studien geflossene 
Stücke des Uranios mit Bemerkungen darüber nach Oxford zum 
Drucke, wovon sein eigenhändiger Brief an mieh, der ich als Bol^ 
nietscher zwischen Simonid^s und Dindorf dienen musste , datirt vom 
24. October, Zeugniss ablegt.^ Ueber diesen Verlauf der Sache 

1. Ich erlaube mir, den berühmten Philologen Dindorf um einen 
bessern Gebrauch der Adjektiven zu bitten. Er musste entweder töSif 

iffX' ^f^^ß^' ß^ß^' ^^^^ ^^ ^QZ- ß^ß^- ^^ nocXiMf. sagen , soweit icU 
die griechische Grammatik kenne. 

2. Die Wichtigkeit der Sache und die schon anderwärts stattgefun- 
dene Entstellung des Tbatbestands fordern, dass ich einige Theile dieses 
Briefes wortgetreu abschreibe: „Die Proben des Uranios mit meiner Vor- 
rede und anderen Bemerkungen werden nächstens aus England eintreffen. 
Ich werde darauf, wie wir bereits mündlich besprachen, die weiteren 
Schritte thtin, um Herrn Simonides vollkommene Genugthuung zu ver- 
schaffen für die Verleumdungen und Angriffe, welchen er in deutschen, 
französischen und anderen Zeitungen seit mehreren Jahren ausgesetzt 
gewesen ist, und halte mich dazu um so mehr verpflichtet, da er mir 
so grosse Beweise seines Zutrauens gegeben hat, für welche ich ihm 
dankbar zu sein wissen werde." ((Etwas anders lautet freilich die Dar- 
stellung des Herrn Prof. Dindorf in seinem Artikel vom 5. Febr. Dtsch. 
Allg. Ztg. Nr. 3t., der damit beginnt: „Der kön. Akademie der Wissen- 
schaften zu Berlin und der oft bewährten Energie der berliner Polizei 
ist es gelungen, einen der grossartigsten literarischen Gauner, die je 
aufgetreten sind, in der Person eines Griechen, der sich Konstantin Si- 
monides nennt und seit einer Reijie von Jahren sein Unwesen in und 
ausserhalb Europa getrieben hat, in diesen Tagen zu entlarven.")) „Was 
die Herausgabe des ganzen Werkes des Uranios betrifft, so würde ein 
blosser Abdruck des Textes bald durch eine andere Bearbeitung verdrängt 
werden können, was weder dem Interesse des Herrn Simonides noch 
dem des Verlegers entspricht. Ich erlaube mir d)iher die Bitte , dass Sie 
mir von Herrn Simonides eine Erklärung darüber verschaffen: 1) gegen 
weiches Honorar er geneigt sein würde, mir seine mit Nennung seines 
Namens auf dem Titel zu druckende Abschrift der drei Bücher ßaoiXdcav 
dvayQaq>£v zu überlassen, die ich mit der nöthigen ausführlichen Ein- 
leitung, historischen Anmerkungen und Register versehen würde, wozu 
ich durch meine fortgesetzten Studien in diesem Fache vollkommen in 
Stand gesetzt bin." ((Ein wenig anders lautet freilich der schon genannte 
Artikel Dindorfs D. Ailg. Ztg. Nr. 31.: „Ueber das Werk des Uranios hin- 
gegen, obschan die wenigen entzifferten Golumnen nichts mir Verdächtiges 
aarboten, hielt ich doch (NB. amdl.Dec. !] eine Mtttheilung an die compe* 
tentesten Kenner ägyptischer Geschichte, Chronologie upd Sprache in Ber- 
lin für rathsam , da meine eigenen Stadien diesem ^ehiet^ fern liegen und 



10 

wurde ich immer botorgter , obsch^n ich imoii gar heiDe Klatfaeii 
darin hatte. Ich sagte mir nämlich : Wenn diese sogenannte Abschrill 
in Simonides Bänden wirklich mit den Palimpsesten übereinstimmt, 
so ist der letztere unmöglich echt; denn in der erstem erkannte ic4i 
genug, was mich an die mir ein und zwei Jahre früher von London 
aus zur Gorrectur geschickten Textesstücke erinnerte. 

Ueber diese Sache bin ich hier nähere Auskunft schuldig. Wie 
mir nämlich Simonides schon früher bisweilen die Gorrectur von dem 
was er schrieb, oder, wie er sagte, von alten Handschriften ab* 
schrieb, anvertraut hatte, so schickte er mir vor 2 Jahren einzelne 
Specimina des Textes von Uranios aus London zur Gorrectur nach 
Leipzig. Weil ich in dem Maftuscript den mir bekannten Styl des 
Herrn Simonides mit seinen gewöhnlichen syntaktischen Fehlern 
wieder fnnd , so hielt ich es für eine, versuchte Uefoersetzung von 
Hieroglyphen, womit sich, wie ich wusste, und auch gleich vorher 
schriftlich von ihm selbst erfahren hatte ^, Herr Simonides beschäf- 



mir namentlich kein Urtheii über die in dem Werk des Urauius in grosser 
Zahl vorkommenden ägyptischen Namen zustand.'')) »Eine zweite Frage 
würde sein, zu welchem Preise Herr Simonides die Origittalhandsthrilt 
an eine öffentliche Bibliothek zu verkaufen gesonnen ist, was jetzt, wo 
das Interesse bei dem ersten Erscheinen des Werkes am lebhaftesten 
ist, vielleiclit unter vortheilbafteren Bedingungen als später geschehen 
kann." — — So sehr es der Anerkennung werth gewesen wäre, hätte 
Herr Prof. Dindorf eingestanden, sich in dieser ganzen Sache zu seinem 
Bedauern sehr geirrt zu haben, so wenig kann das in den öffentlichen 
Bekanntmachungen desselben ausgedrückte völlige Gegentheil von einem 
solchen Eingeständniss auf Nachsicht rechnen. Siehe nachher besonders 
Seite 16, Note 2. 

1. So lauten seine Worte in einem vom 29. August 1853 datirten 
Briefe an mich: tyQa\t>ay xiva r^y fxeXaiy tfjs emr^oTirjg (diese ini' 
TQonri oder Gommission wurde nämlich, nach der Angabe des Simoni- 
des , von der Londoner philologischen Gesellschaft beauftragt, seine Hand- 
schriften zu untersuchen) n^os roy uQviyQa(ifjLaxia ja t^fis: '0 ÜifMa- 
yldriS i^dixrj-ß-i^ f^eydkuiS', ical all toi ol bfÄoyeyug avtov. Vucjs x^Q^ 
eis triv vnofiopi^v xai inifioyr^y tov yeayiov anodeixyvtai u-^-ihog i^or^. 
'0 ydos ovros ßlyai anov^atos Hay, xai cciiog Tfif äyanrjg rov HOitrovr^ 
xal o inayyekkerai ,' ro yiyoäaxei dx^ißiHg, ojcre ovdefua dfjiq>ißoXut 
fiayii r^fily, ort drjkadfi ayiyyta noXXa ntQi UQoykv^iXüiy ;|f«*^6y^«9Mi, 
xai fiaXiaza na^i ro avfjßoXixoy fieqos rr^g AlyvntGv, r/ di eQfJiiyeiot 
avTov iariy dXri&iit xai dxQißeazdxri, /li avtov fid^fur noXXä xai 
I4iit}£ r^y aiyvnnax^y laro^iay diä ifjs fJietafpQdceias rioy iBqoyXvfpußStv, 
Man sieht bieraua, wie mich Simonides zu seinem ersten Betrogeoea 
in der (Jrauiossache, uad zwar auf sehr geschickte Weise gemacht hat. 
Uebrigens harmonirt ea mit den Ausdrücken dieses Briefes, daas er zo 
derselben Zeit in London (bei Longman u. Go. 1853.) die editio princeps 
des Panegyrikas von Koastautinus Akropolites aaf Konstantin den Grossen 



— 11 — 

irgte; au«b hatte ieb der^^leichen sehon friHier für iba coriigirt. Ich 
unternahm daher, trotzdem dass ich sehr foeschäftigi war, doeh aus 
Tbeifaiabme an seinem wissenschafüichen Versuche, unbedenklicii 
die Gerrectur. Aber ich war nicht wenig verwundert, als ich später 
Yoa Simontdes yernabm , das Gorrigirte betreffe eine alte griechische 
Handscbriftv' Ich gab ihm zo erkennen, dass dies kaum möglieb sei, 
da auch: nicht ein Fünkchen alter Gräeität darin zu erkennen sei, 
wehl aber die heutige Sprache der Neugrieehen. £ben so sehr 
rousste es mich befremden , dass mich Herr Simonides in seiner an- 
geblichen Abschrift aus einem alten Schriftsteller nach Belieben cor* 
rigiren Hess. Nur dadurch trat mir die Sache wieder in ein anderes 
Licht, dass er aus einem alten sehr schwer zu lesenden Palimpsesten 
zu schöpfen vorgab, so dass nun meine Gorrecturen einen Anhalts* 
punkt für die genauere Enträthselung desselben abgeben konnten. 
Freilich wurde ich von Neuem durch die Bemerkung überrascht,* 
dass meine Gorrecturen, mit dem Original verglichen, grossentheils 
als zutreffend erfunden worden seien ; doch sah ich dies mehr für 
ein schmeichelhafte^ Gompliment als für Wahrheit an. ^ Als nun Si* 



denjenigen widmete , die dem Herausgeber übelwollen {:voig t^eXoxccxovac 
7<jtj ixdorij). Diese Sclu-ilt» die ich für unzweifelhaft echt halte, konnte 
auch nicht verfehlen, die bessere Meinung von Simonides bei mir zu 
befestigen. 

1. So heisst die wichtigste Stelle des angedeuteten (am 23. Decbr. 
S0gar Prof. W. Dindorf vorgezeigten) Briefes: 

^r^'EXaßov xal rrjy reXevralcty äniaroXiiv aov, wg xal rcc iy cd-rn 
eyyQaq)«. Eis rag dioQ^coaeig Mao n^oaexrixog. xcd (j,fi diar&CliS vu 
xa^i'^S tmurr^y ^ ixsiyriy, ^^^ ^^ elxaaias dco^^caaiy. Jtori fd nsQta* 
aöre^al aov dioQ^coaeis naqaßXr^d-eLaut n^bs tb nQmxoxvnoy evQe^rfaay 
oQ&aL ^iXb^ ro nQcoTorvnoy elyai naXt^^r^a^oy ^ xal rcc yQnfxfj,ccra 
ff(di$ äifpc^iyoyrat.. IloXXa 6\ t^y y^afAf^arrny eiciy hX&)S iip&aQfjeya 
vno rov xQoyov, oiare noXXltxtg ^uyxevcjy ayxtyqatpoi' xal alyai roaoy 
dvffxoXoy^ ScTB naytee ol i&(o rcoy naXatoyoaqpcoy oi eyxQiroc elnoy^ 
OTC ovdeig; fl^oros nX^y tov I^ifMDyldov äyriy^ctifjoi rovto Qvyccrai. TcTov 
dh anoariXho aoi xal 18 Xoyovg T^riyo^lov rov IIaXafj>cc, cya rovg dieX- 
^liS iaxe/^iieycjg xal tax£(og^ dcori b rvnoyQucpog ßid^erai. 

'Ey Aoydiy(^, 8. Noifx, 1853. Vl)fÄer€()og K. :SifX(üyldrig.'' 

„ich habe sowohl Deinen letzten Brief, als auch die inliegenden 
Schriften erhalten. In den Gorrecturen sollst Du vorsichtig sein, und 
stehe nicht an diese oder jene Gorrectur nach Vermutbung zu machen. 
Denn die meisten Gorrecturen von Dir, obgleich nach Vermuthung, mit 
dem Original verglichen, faqden sich richtig. Freund, das Original ist 
ein Palimpsest, und die Buchstaben lassen sich kaum erkennen. Viele 
von den Buchstaben sind ganz von der Zeit verdorben,' so dass ich 
öfters errathend abschreibe, und es i&t so schwer zu lesen, dass alle 



— la — 

monides bei seiner Hierberkunft auch des PaUmpsest des Uranios 
mitbrachte, da hatte ich wohl eine besorgliche Ahnung^, dass es ein 
anechtes sein und meine eifenen €orrecturen enthalten möchte ; je- 
doch konnte meine Yermuthung noch nicht näher erörtert und be* 
f^ründet werden, da die palimpsestiscbe Handschrift für meine Augen 
allerdings nicht zu lesen war. Nur fühlte ich mich verpflichtet, so*> 
wohi dem Herrn Prof. W. Dindorf als auch seinem gelehrten Freunde, 
als der erstere mit Simonides wegen des Ankaufes des Palimpsests 
wirklich in Unterhandlung trat, meine Zw^fel offen mitzutheilen. 
Allein beide glaubten gegen diese Zweifel eine besondere Schatz* 
wehr an einem chemischen aus Paris Terschriebenen Mittel zu be« 
sitzen , vermittels dessen die Echtheit des Palimpsests sicher zu er«- 
proben sein sollte. Es müsse nämlich bei Anwendung desselben die 
braungelbe Farbe der alten Schrift in blaue Farbe übergehen. Die 
Absicht, dieses Mittel beim Uranios anzuwenden, theilte ich Herrn 
Simonides zu seiner Einschüchterung mit. Allein sogleich verschaffte 
er sich das chemische Mittel Selbst und gebrauchte es , w<Hrauf er 
mir zu meiner eignen grossen Ueberraschung die eingetretene blaue 
Farbe zeigte. 

Etwa Mitte November erklärte Dindorf sich bereit 1000 Tblr. 
für den Uranios zu geben ; Simonides willigte nicht ein ; er verlangte 
2000 Tblr. Prof. D. entgegnete: „Es ist mir recht, wenn die Her- 
ren in 0. so viel geben. Auf diese Weise kann dann Simonides eine 
Reise nach Alexandrien machen, um die übrigen Manuscripte hier- 
her zu holen *' Ende November (den 28.) überbrachte mir Hr. Prof. 
Bindorf in der That einen Vertrag, der dahin lautete, dass erinner- 
halb der nächsten drei Monate das Recht habe , für 2000 Thlr. das 
Palimpsest des Uranios zu übernehmen. Er bat mich, den Vertrag 
ins Griechische zu übersetzen. Unter Wiederlmlung und Verstärkung 



die vorzüglichsten von den hiesigen Paläographen sagten: Kein Sterb- 
licher ausser Simonides kann dies abschreiben. Da schicke ich Dir auch 
18 Reden des Gregorius Palamas, um dieselben kritisch und schleunig 
durchzugehen, denn der Drucker drängt sehr. 

London, 8. Novbr. 1853. ^ „ ^ 

Der Deinige K. Simonides.'* 

Aus diesem Briefe ersieht man ebenso die Muhe , die er sich gab, 
mich zu tauschen; als auch seine Schlauheit. Die letzlere liegt beson- 
ders darin, dass er nun auf meine erhobenen Zweifei über Uranios gleich 
etwas Echtes (die Reden des Palamas) in den Verkehr einmengte. 



13 

meiner MahnuDgen zur Vorsiobt tbat ich es , und an demselben Tage 
gegen 3 Uhr bändigte ich die Uebersetzuag Hrn. Prof. Dindorf ein.^ 
Aber nieht blos ich habe ihm hierbei die Bitte um Vorsieht wieder- 
holt, sondern zur Unterstützung meiner Mahnung habe ich meinen 
Freund Hrn. Aristobulos Benthylos mitgenommen, der meine Mah- 
nungen bekräftigte. Prof. Dindorf sagte zu uns : ,,Seien Sie ruhig, 
ich weiss Alles was Simonides in England und Frankreich begangen 
hat, und ich lasse mich von ihm nicht täuschen. '* ^r las uns auch 
einen alten Artikel aus der Augsburger Allgemeinen Zeitung gegen 
Simonides vor. Es war, wenn ich nicht irre, der neuerdings öfters 
in Betracht gezogene Gorrespondenzartikel des Dr. Mordtmann aus 
Gonstantinopel, woselbst die angeblichen Handschriftenentdeckungen 
des Simonides das klä^ichste Ende genommen hatten. Trotz dieser 
eigenen Bekanntschaft des Prof. Dindorf mit früheren Schwindeleien 
des Simonides behielt er dennoch voll unbegreiflicher Sicherheit sein 
Vertrauen auf die Echtheit des Uranios-Palimpsestes. Beim Weg- 
gange sprach er mir die Bitte aus, die Blätter des Uranios für ihn 
zu zählen, und ich erfollte diese Bitte am 30. Novbr. Hierbei hatte 
ich aber nun endlich Gelegenheit, meinen längst gehegten Wunsch 
erfollt zu sehen, und die erste chemisch aufgefrischte und deshalb 
mir lesbare Seite des Palimpsests mit der reinen in Simonides Hän- 
den befindlichen Abschrift zu vergleichen. Da fand ich denn wahr- 
haftig, so viel ich mich dessen was zwei Jahre früher in meinen 
Händen gewesen noch erinnern konnte, von mir gemachte Gorrec- 
tnren in dem Texte, z. B. de ri^er^ avvdfpica ßißXüvgy sowie auch, 
wenn ich nicht irre, die ganz moderne utid dem eigensten Style des 
Simonides angehörige Redensart : xa'i IfAifv ISiav, Entsetzt über 
das Resultat ging ich fort. Den 2. Dec. bezeichnete ich in Gegenwart 
aller hier studirenden Griechen den Simonides als einen Betrüger 
und Fälscher, und wollte durchaus keine Gemeinschaft weiter mit 
ihm haben. 

Tags daraufkam P. Dindorf sehr früh zu mir und sagte: „Wissen 



1. Es scheint kaum angeroessen , zu diesen Verhandlangen den Auf- 
satz Dindorfs vom 5. Febr. anzuführen , worin auf unglaubliche Weise 
jedes ,,Verkänfsanerbieten" bis zur „Veranlassung in Berlin'* (den 
31. Decbr.) gänzlich in Abrede gestellt wird. „Von einem Verkaufs- 
anerbieten *% heisst es dort, „zu welchem ich erst bald darauf in Berliu 
Veranlassung erhielt, war dabei mit keinem Worte die Rede/' 



14 

Sie was? Herr Simonides luit uns das Pdlimpsest des HennBS getimcht 
und jetzt geh ich zu ihm um es zu sehen und zu Icaufen/' ich ent- 
§^egnete: „Herr Professor, Siroonides ist ein Betrüger. Sie sotien sehr 
vorsichtig seia. Ich isann zu ihm mit Ihnen nicht kommen/' ich 
habe ihn dabei besonders auf meine gefundenen Gorrecturen auf* 
merksam gemacht. Dindorf dagegen sagte: „Ich werde es Ihnen 
ewig danken, wenn Sie mit mir Jetzt gehen und den Dolmetscher 
für ihn machen, thua Sie es meinetwegen/' Zu diesem so instän- 
dig verlangten Dienst war ich endlich bereit ; «dn Wunsch kam z«r 
Ausführung, ich schrieb griechisch den Vertrag über die Abtretung 
der vier Palimpsestblätter mit Hermastext um tOO Thlr. mit der 
Klausel: wenn noch andere Blätter von Alexaodrien nachkommen 
' sollten, so sei man dem Simonides die RüdKgabe der ersteren gegen 
Rückzahlung schuldig , damit er neue Forderungen ond neoen Ver- 
trag machen könne.^ Den folgenden Tag begegnete ich Prof. Anger, 
und sprach mich gegen ihn in starken Ausdrücken über den Be- 
trug mit dem Hermas -Palimpsesten aus. Er beunruhigte sieh dar^ 
über nicht und sagte: „Professor Dindorf hat die Mittel, um die 
Echtheit sicherzustellen/' Seine letzten Worte zu mir waren: „Sie 
können alles das sagen, aber Sie erreidien damit nichts/' Im Laufe 
der nächsten Tage habe ich meine Ueberzeugung auch Andern und 
besonders Herrn Hofrath Gersdorf und Dr. Bursian mitgetheiit, und 
bat sie, zur Ehre der Wissenschaft auch ihrerseits Herrn Prof. Din* 
dorf aufmerksam zu machen. Als ich in der zwdten Hälfte des Dec. 
P^of. Anger besuchte und er mir die im Hermas -Palimpsest gefun- 
denen bessern Lesarten als Beweise der Echtheit vorhielt, da sah 
ich die ganze dabei ausgeführte Machination erst ein, ich begriff 
nun zu meinem Schrecken , dass ich mich in der früheren Annahme 
von Kleinigkeiten bei der falschen Hermas-Abschrift geirrt und dass 
Simonides manche Aenderung getroffen haben mochte. Da ich dies 
unumwunden Prof. Anger mittheilte, so bat mich derselbe sogleich 
mit ihm zu Prof. Dindorf zu kommen. Ich willfahrte ihm bierin, ob- 
schon ich mich entschlossen hatte nie wieder zu dem Letzteren zu 



1. Diese Blätter waren jedoch nicht für Prof. Dindorf selbst, son- 
dern für die hiesige Univ.-Bibliothck bestimmt. Der erwähnten Klausel 
zufolge gingen übrigens diese Blätter wirklich an Simonides zurück, als 
er nach der Mitte Januars noch andere aus Alexandrien bezogene Blätter 
desselben Palimpsests zum Vorschein brachte. 



— n . — 

gellen. Während nun Prof. Anger der Meinung war, es müsse eiiio 
Untersuchung vorgenooMnen werden um der ursprünglichen Ab- 
schrift habhaft z« werden ^ , war Prof. Dindorf dagegen , indem er 
meinte, es seie» doch am Kleinigkeiten, um deren willen man jetzt 
mcbt so grossen Lärm erheben dürfe. Der Hauptgrund für diese An- 
sicht schien mir aber darin zu liegen, dass die vermeintlich viel wich- 
tigere Angelegenheit des Uranios-Palimpsestes nicht gestört werden 
sollte. Hatte ich nun auch die Aufdeckung des Betrugs jener Athos- 
abschrift erreicht, welche neben den drei Originalblättern der im 
Dec. erschienenen Druckausgabe des Hermas zu Grande gelegt wor- 
den war, so war ich dagegen nicht im Stande von der Unechtheit 
des Hermaspalimpsestes zu überzeugen, wie selbst Aeusserungen 
der dabei vorzugsweise interessirten Gelehrten um die Mitte Januars 
noch darthaten. 

Doch ich gehe zum Uraniospalimpsesten zurück. Auch darüber 
sprach ich mich von Neuem am 2t. Decbr. aus, ohne jedoch mehr 
Gehör als früher zu finilen. Da Siraonides geleugnet hatte dass er 
etwas vom Uranios an mich geschickt hätte , so berief ich mich zur 
Steuer der Wahrheit auf Briefe desselben von London an mich , die 
sich direkt auf die mir zugemutheten Gorrecturen der Uraniosspe- 
cimina bezogen, und sagte wörtlich, in Gegenwart des schon genann- 
ten Herrn Prof. Anger* Folgendes: „Wenn Sie die Echtheit des 
Uranios annehmen und der Betrug bald entdeckt wird , wie ich die 
Ueberzeugung habe, so sind Sie blos verantwortlich vor der Welt, 
und keine deutsche oder andere Zeitung hat das Recht, wie es die 
Sitte ist, die griechische Nation wegen eines solchen Betrügers an- 
zuklagen ; denn Griechen sind es , die Sie vorher auf den Betrug 
aufmerksam gemacht haben. Ich wasche meine Hände in Unschuld/' 
Zwei Tage später, am 23. Dec, legte ich auch noch die erwähnten 
Briefe des Simonides vor, in~grosser Erwartung des Eindrucks den 
sie machen könnten ; ausserdem machte ich noch besonders auf die 

1. Dies wird hoffentlich jetzt noch glücken. 

2. Wenn Herr Prof. Anger in seinem Aufsatze Dtscb. AUg. Zeitg. 
Nr. 33. sagt, er habe zu der Frage über den Paiimpsesten des Uranios 
in keinem andern Verhältnisse als dem eines Unbetheiligten gestanden, 
so spricht er vollkommen die Wahrheit, die auch ich niemals in meiner 
Darstellung entstellt habe. Es kam mir aber darauf an, Herrn Prof. 
Anger als Zeugen meiner so oft wiederholten Warnungen vor dem Si- 
monidischen Betrüge überall namhaft zu machen. 



»_ 



46 — ' 

schJcdiieörÄdtät dcsUraniosaofmerksam. Di^idörf entgcgiiete : „Die 
Sprache ist ganz die des 3. oder 4. Jahrhunderts", und die Briefe 
galten ^leichfoUs nichts. ^ Er sagte, als ich fortging: „Ich bin Ihnen 
sehr dankbar. Sie baben Sich wie ein ehrlfairer Mensch benommen. 
Wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre, hätte ich dasselbe gethan/'* 
Obschon ich nun nicht wusste, was weiter aus dem Uranios- 
palimpsesten werden sollte , und wegen der früheren Andeutungen 
des Prof. Dindorf ausschllBsslich an eine beabsichtigte Vermittlung 
für Oxford denken konnte , woher ja auch die Druckproben des Ura- 
niosteiLtes von ihm längst erwartet wurden ; so fühlte ich mich doch 
in grosser Unruhe darüber, dass meine Auföchiusse überall so un- 
gläubig aufgenommen worden waren. Da kam mir zur Rettung aus 
dieser grossen Verlegenheit der Entschluss, mit meinem Freunde 
Aristobulos Benthylos, der schon früher mit Herrn Prof Tischendorf 
bekannt geworden war, zu diesem als Handschriftenkenner und be- 
sonders auch durch seine Entdeckungen und Entzifferungen griechi- 
scher Palimpseste in der gelehrten Welt bekannt gewordenen Ge- 
lehrten zu gehen , um ihn mit der ganzen Angelegenheit bekannt zu 



1. Simonides entkräftigte ihren etwa doch gemachten Eindruck 
durch Vorzeigung einiger von ihm mit nachgemachten Gorrecturen mei- 
ner Hand abgeschriebener Uraniosstücke, woraus sich die Geringfügig- 
keit meiner Gorrecturen ergab. 

2. Hier darf ich nicht unterlassen, anzugeben, mit welcher Wahr- 
beitstreue und Zartheit Herr Prof. Dindorf am 5. Febr. in dem Aufsatze 
der D. AUg. 2tg. meiner gedenkt. Er sagt : „Schliesslich habe fch noch 
zu erwähnen, dass der oben bei Gelegenheit des Hermas erwähnte an- 
dere Grieche, welcher noch zu Anfang Decbr. vor. Jahres bei Abfassung 
einer schriftlichen Erklärung des Simonides an mich — ^»nvom Yer- 
kaufsanerbieten war dabei niit keinem Wort die Rede""?? siehe oben 
S. 13. — die eventuelle Abtretung der Handschrift betreffend, mitwirkte, 
ohne den Simonides eines Betrugs zu zeihen, (!!) einige Wochen später 
mit der Erklärung hervortrat, dass er dem Simonides bei Abfassung des 
Werks des Uranios vielerlei sprachliche Verbesserungen nach London 
1853 und 1854 mitgetheilt habe. Diese Aussage konnte aber, obschon 
in Berlin bereits Ende Decbr. zur Kenntniss der speciellen Beurtheiler 
der Handschrift gelangt, nicht in Betracht kommen, da es an schlagen- 
den Beweismitteln fehlte und das von Simonides dagegen Eingewendete 
einem Zeugen gegenüber, der geschwiegen hatte wo er hätte reden 

-sollen, (!!) nicht unwahrscheinlich schien. Statt sich daher in eine Dls* 
cussion mit den beideh Griechen , die sich gegenseitig als Lügner bezeich- 
neten , oder sonst Jemand einzulassen" — der Herr Prof. Dindorf ver- 
steht sich nämlich eben so sicher auf Menschen wie auf Palimpseste — 
„schien es rathsamer und sicherer, sich an das zu halten, was positiv 
vorlag, d. h. die Handschrift und deren Inhalt." Ja wohl, Herr Pro- 
fessor, setze ich hinzu, das ist ganz xar i^^v ideccy. 



17 

machen. Düss man von Seiten der Leipziger Gelehrten , die doch 
am besten Prof. Tischendorfs Competenz in der Handschriftenfrage 
kannten, es unterlassen hatte ihn jemals dabei zu Rathe zu ziehen, 
das Isonnte mich nun nicht länger abhalten. Bei mehreren Besuchen, 
die ich mit Simonides gemacht, waren wir auch längst ausdrücklich 
auf denselben hingewiesen worden; aber Simonides, unterrichtet 
von dem Rufe paläog^aphischer Kennerschaft desselben , war nie zu 
bewegen gewesen, mit mir, wie ich ihm wiederholt vorschlug, zu 
ibm^u gehen. Am S.Januar sprach ich nun, begleitet von Herrn 
Benthylos, zum ersten Male Hrn. Prof. Tischend'orf. Von den beiden 
Palimpsesten , dem des Rermas und dem des Uranios, hörte er von 
uns das' erste Wort. Aber an der Richtigkeit unserer Mittheilungen 
fiber den dabei vorliegenden Betrug schien er nicht zu zweifeln , um 
so weniger, da er uns erzälüte, er habe von Anfang an, wegen des 
schlechten Rufes des Simonides, selbst die Echtheit des griechischen 
Hermas bezweifelt; wenigstens müsse er erst durch e%cne Prüfung 
vom Gegentheil- überzeugt werden. Als wir fortgingen, machte uns 
Prof. Tischendorf aufmerksam , ob es nicht unsre Pflicht sei öfTent- 
lich in einem Blatte, er nannte die Augsb. Allgem. Zeitung, über 
die Sache uns auszusprechen. Als ich darauf am 17. Jan. Prof. Ti- 
schendorf begegnete , sagte er mir von einem iiT der Augsb. Zeitg. 
in Bezug auf den Hermas erschienenen Artikel , der sich zweifelhaft 
übet die Echtheit ausgesprochen. Er habe deshalb gleich (am 14. Jan.) 
selbst an die Redaction dieser Zeitung schreiben wollen , um die 
von uns ihm gegebenen Aufschlüsse mitzutheilen. Allein als er, 
den fertigen Aufsatz in der Tasche , auf die Bibliothek gekommen 
sei, habe man ihm alle von mir und meinem Freunde geraachten 
Aussagen verdächtigt; ja der Herr Oberbibliothekar hatte ihm auf 
die über die Echtheit der beiden Palimpseste geäusserten Bedenken 
geradezu erklärt : „Wenn der Hermaspalimpsest unecht ist , so sind 
aHe Ihre Palimpseste unecht. *' Diese Zuversichtlichkeit hatte ihn 
bewogen , seinen in der Hinriehs'schen Buchhandlung schon vorge- 
lesenen Aufsatz beiseits zu lassen, und erst dann ein zuverlässiges 
Urtheil zu wagen , wenn er die Palimpseste mit eigenen Augen ge-? 
sehen haben würde. Er ging deshalb an demselben 17. Jan. zu 
Prof. Dindorf, und derselbe versprach, in den nächsten Tagen mit 

einig'en Blättern zu ihm zu kommen. Als ich darauf am 23. Jan. in 

2 



18 — 

die Vorlesung Hrn. Prof. Ti&cfaendorfs zu gehen im Begriff war ^ ri^ er 
micli zu sich und theilte vor dem Auditorium mir mit grosser Freude 
mit, dass er Tags zuvdr zwei Palimpsestblätter, eins des Hermas 
und eins des Uranios, gesehen habe, und dass er durch die paläo- 
graphische Prüfung, der Schrift und des Pergaments ganz überzeugt 
worden sei von der Unechtheit beider Palimpseste. Desselben Tags 
Nachm. machte er mir viele beobachtete Einzelnheiten namhaft und 
zeigte mir auch einige Palimpseste aus seinen Sammlungen vor, um 
mir den Unterschied der falschen Palimpseste deutlich zu machen. 
Zugleich aber erzählte er mir, dass es ihm mit seinen paläographi; 
sehen Beweisen und mit seinem Anerbieten , den Betrug nachzuwei- 
sen, wenn Dindorf den Palimpsestkünstler wollte verhaften lassen, 
ebenso unglücklich ergangen sei wie es mir selbst mit meinen frühe- 
ren Warnungen ergangen war. Als seine paläographischen Aufklä- 
rungen dem Herrn Prof. Dindorf durchaus nicht zusagten, hatte ej 
ihm wörtlich erklärt: „Nun gut, Sie haben Ihr Urtheil, ich habe das 
meinige, und ich halte es für meine Pflicht, das meinige öffentlich 
bekannt zu machen.*' Eine solche Bekanntmachung bezeichnete 
Prof. Dindorf als sehr voreilig. Prof. Tischendorf entgegnete : „leb 
nehme nicht Anstand , meinen paläographischen Credit zu wagen.*' 
Zuletzt aber hattcJProf. Dindorf die Absicht seines gelehrten Freun- 
des^, mit einem öffentlichen Urtheiie^ hervorzutreten, dadurch zu 
verhindern gesucht , dass er das Uranios-Palimpsest als sein Privat- 
eigenthum erklärte, worüber er ihm nicht die Befugniss eingeräumt 
habe öffentlich zu urtheilen. Unmittelbar vor dieser Besprechung 
mit Dindorf hatte Professor Tischendorf auch gegen Professor Anger 



1. Wir brauchen hier absichtlich diese Bezeichnung gegenüber der 
neulich von einer griechischen Feder in der 'Ä^y« gebrauchten : ix^^og 
tov Jiydo^g), Konnte denn Prof Tischendorf ein „ Feind *^ von Prof. 
Dindorf sein, da er sich alle Mühe gab, den Letzteren vor dem Betrüge 
sicherzustellen? War es nicht vielmehr grosse freundschaftliche Theil- 
nabme, dass sich der Erstere dem Letzteren. ganz zur Disposition atelUe, 
um den Betrug nachzuweisen? 

2. Es ist ganz deutlich, dass der Herr Prof Dindorf fürchtete, Prof. 
Tischendorf werde in der Allg. Augsb. Zeitg. gegen seinen Uranios auf* 
treten. Da nun die Redaction dieser Zeitung erklärt hat (in einer Fe- 
bruarnummer), dass sie ausdrücklich ersucht worden sei, nichts gegen 
die Simonidischen Manuscripte aufzunehmen , weil man schon selbst mit 
allem Misstrauen und alier Vorsicht zu Werke gehe, so kann man wohl 
kaum zweifeln, von welcher Seite diese prophylaktische Mahnung nach 
Augsburg gelangt sei. ' 



.(9 

und deti Herrn Obei-bibKotliekar mit: Etitsthiedenhiäit von deinen 
patäographischeii Beobachtungen gesprochen. Ich war an diesem 
Tage mit der Absicht zu ihm gekommen, ihm mUzuihellen, dass 
ich einen aoi^ührliehen Aufsatz für die Augsb. Allg. Zeitung aus^ 
arbeiten Mrollte, um die min doeh in Leipzig ans Lieht getr^enen 
Betrügereien des Simonides zu allgemeiner Kenntniss zu bring«». 
Er vrar damit ganz ein verstanden, und versprach sogar meine Arbeit 
zu berathen und zu prüfen und an die Redacüon zu vermitteln ; nur 
wünschte er noch vorher etwas von den Briefen des Simonides- an 
mich zu sehen. Deshalb legte ich ihm einige Tage später 4 solche 
Briefe vor Augen, und am 26. Jan. noch einen. An demselben Tage 
trog ich ihm auch schon mehrere Stücke meiner Abhandlung vor, 
die bei ihrer grossen Aosdelmui^ nach seiner Ansicht unverzä^ich 
als selbständige kleine Schrift erscheinen sollte. Mit solchen Rath^ 
schlagen war mir viel bciSser gedient, als damit, dass mit am 21,, 
von anderer Seite gerathen worden war, mit meinen Enthülhingea 
ans Schönung für Prof. Btodorf, der mir sagen Hess, er bedauro 
mich, doch wenigstens noch längere Zeit., „ein Jahi^', anzustehen. 
Als ich nun am 30. Jan. wider mein Verspt^chen' nicht zu Pro^ 
Tischendorf gekommen war, vkam er am 31. Jan. in grösster Frühe 
selbst zu mir und tfaeilte mir die Schritte mit,* die «r in Folge eines 
aas Berlin am 2^. Nachmittags empfangenen Briefes^ der, vom 21% 
Jan. datirt, von „ungeheurem Aufseben'* des Uranios zu Berlin be-i 
richtete, dorthin gethan hatte. ^ Ich war bdchst überrascht von 
allem, was ich hörte; doch war den Tag vorher auch em Artik^t 
der Augsb. Zeitung unter den Griechen bekannt^geworden, der die-* 
selbe „grosse Sensation** bezeugte, welche das Uraniospalimpsest 
in Berlin hervorgebracht hatte. Meine Landsleute sagten deshalb zu 
mir: „Da bist verloren'*, und fährten mir die namhaft gemachten 
berühmten Männer zu Berlin als Zeugen für die Echtheit an. Ich war 
aber nicht im Geringsten geneigt ^ irgend einer Autorität meine lieber- 
Zeugung unterzuordnen. Da in diesem Artikel auch erwähnt war, 
dass der berühmte Pbilolog Dindorf die Handschrift für 5000 Thlr. 
der königl. Akademie angetragen habe, so bezeugte darüber Simo- 
nides gegen die mit ihm verkehrenden Landsleute seine grösste Yer-^ 



i. Siehe das Nihere hierüber in der Beilage. 

2* 



wuaderung. Derselbe hatte übrigens wenige Tage vorher , was von 
eben so viel Geistesgegenwart als Frechheit zeugte, den EinfeU, 
mit einem Landsmanne zu Prof. Dindorf zu gehen und sieh bereit 
zu erklären, sogleich die empfangenen 2000 Thlr. gegen sein Manu- 
Script zurückzuzahlen , wenn er an der Echtheit des letztern zwei- 
fein sollte. 

Prof. Tischendorf erwartete nun Jeden Augenblick eine ent- 
scheidende Verfugung als Antwort von Berlin; er war verwundert, 
dass sie nicht schon Tags vorher eingetroffen war. Denn da er ein- 
fach telegraphirt hatte: „Ich bin überzeugt, däss das Uraniospalim- 
psest ein Betrug ist'^ und diese Ueb^rzeugufig in einem zu gleicher 
Stunde abgeschickten Briefe sowohl paläographiseh als auch durch 
meine Aussagen gestützt hatte , so koonteer auf volle Geltung seiner 
Mittheilung rechnen. Mich selbst ersuchte er, auf sofortige Requi- 
sition mich gefasst zu halten. In der That kam auch am 31. Janaar 
Prof. Lepsias nach Leipzig, begleitet von dem Polizeidirector Dr. 
Slieber aus Berlin, und auf ihre Veranlassung fand am 1. Febr. die 
Verhaftung des Simonides und die Beschlagnahme seiner Effekten 
statt, indem die letztern, namentKcb die Handschriften und Tinten, 
sogleich nach Berlin mitgenommen wurden, der erste re aber, bis 
auf später erfolgte Auslieferung, in Leipziger Verwahrung blieb, ich 
selbst und Prof. Tischendorf wurden von diesen Schritten nicht in 
Kenntniss gesetzt. 

Hier ist der Platz, den Berliner Antheil an dem Üraniospalim- 
psesten genauer zu verzeichnen. Wir folgen darin zunächst der Er- 
klärung, die Hr. Prof. Lepsius darüber unterm 6. Febr. in der Dtscb. 
Alig. Zeitg. und anderwärts veröffentlicht hat. Da heisst es : 

„In den letzten Tagen des December ging dem geheimen Rath 
Böckh die erste Nachricht von einem der wichtigsten und vielver-^ 
sprechensten literarischen Funde der neuern Zeit durch Herrn Prof. 
Wilh. Dindorf in Leipzig zu. Die Ankündigung dieses ausgezeich- 
neten Gelehrten und philologischen Kritikers ging dahin : dass in 
einem zu seiner „ausschliesslichen Verfügung — sowohl was die 
Veröffentlichung des Inhalts als den Besitz der Handschrift betrifft 
— gelangten griechischen Palimpsest, bestehend aus 71 Pei^ament- 
blättern in grossem Quartformat, jede Seite a zwei Golumnen, folg- 
lich im Ganzen 284 Golumnen, sieb von erster Hand in Uncialschrift, 



21 

ohne Abtheilnng der Worte und ohne irgendwelche Accente, ein 
ungedrucktes Werk des aus Stephanus von Byzanz bekannten Ura- 
nios, Alyvnrhov ßa(TiXh}v draygarfMr ßiftXoi roftg befinde. Es 
wurden zugleich einige von ihm bereits entzifferte [!!] Proben des 
Textes mitgetheilt, und seine ßereitwiliigkeit, nähere Auskunft über 
die Handschrift zu geben, ausgesprochen. Prof. Dindorf legte hier- 
auf am 81. Dec. das erste Doppelblatt der Handschrift persönlich den 
HH. Geh.-Rath Job. Schnitze, Geh.-Rath ßöckh und dem Unterzeich- 
neten zur Kenntnissnahme vor. An eine Fälschung bei dieser 
ersten Prüfung zu denken, lag nicht der mindeste Grufid vor; die 
wohlerhaltene Schrift des Gursivtextes , ungeföhr aus dem zwölften 
Jahrhundert, war echt, und hat sich als solche bewährt ; die matten, 
aber meisterhaft im Styl der ersten Jahrhunderte nach Christus ge- 
schriebenen Züge der Uncialschrift, würden auch noch jetzt, wo ihre 
Unechtheit feststeht, dem Paläographen keinen hinlänglichen Anhalt 
für eine Verdächtigung darbieten [ !! ^]. Als uns aber nacbher Hr. Prof, 
Dindorf mittheilte, dass die Handschrift aus dem Besitz des bereits 
vor metkreren Jahren durch die öffentlichen Blätter als Schwindler 
bezüchtigten Griechen Simonides herrühre, konnten wir dennoch 
um so weniger von unserer günstigen Meinung zurückkommen, als 
Herr Dthdorf sowohl diese als auch andere, neuerdings in Leipzig 
von den Landsleuten des Simonides vorgebrachte Anklagen mit 
grösstmöglicher Vorsicht geprüft, und namentlich die letztern alt 
vötfig unbegründet erfanden zu haben versicherte. Dass ein Ver- 
^scber auch echte Handschriften der nachgemachten Art besitzen 
musste, lag am Tage. Da sich Herr Dindorf schliesslich dahin auS' 
sprach , dass er die Handschrift, deren Inhalt seinen besondern Stu-* 
dien ferner liege, der preussischen Regierung zu überlassen gedenke, ' 
so wurde er von uns aufgefordert, sich über seine Offerte bestimm- 
ter auszusprechen. Am folgenden Morgen kam derselbe vor seiner 
Abreise noch zu mir, und erklärte, dass er den Preis der Handschrift 
auf 5000 Thlr. zu steilen beabsichtige; diese Proposition wurde mir 
schriftlich zurückgelassen ; Herr Dindorf nahm das Doppelblatt wieder 
mit sich. Der Preis war hoch , aber für den echten Uranios würde 
nicht unwahrscheinlich in England das Doppelte bezahlt worden sein. 

1. Dem hat Herr Prof. Lepsius selbst spater völlig ^widersprochen, 
Vergl. unten H. Seite 83. Note. 



J2 

Wir hielten ans für verpflichtet, Herrn Dindorf zu vdraolasseD, 
UB6, ehe wir sein Anerbieten weiter in Betracht ziehen köonten, 
den ganzen €odex vorzulegen. Dies geschah wiederum persönlich 
durch Herrn Dindorf am 11. Januar. In seiner Gegenwart wurde 
die HandsjchriCt von einer Anzahl sachverständiger Gelehrten (es 
waren deren 14 zugegen) betrachtet, und alle Zweifel, dia aus den 
entzifferten Stellen und aus den äussern Umständen in nicht geringer 
Anzahl entnommen werden konnten, von mir und andern hervorge- 
hoben ; die gewichtige Bürgschaft des Herrn Dindorf in Bezug auf 
Simonides ^ musste aber diese keineswegs vollständig zu begründen- 
den Zweifel so weit zurückdrängen, dass die Akademie, nachdem 
die Handschrift auch auf der Bibliothek zu jedermanns Einsicht von 
Herrn Dindorf vorgelegt war, beschloss die voraussetzlich echte und 
dann för die Wissenschaft unschätzbare Handschrift durch einen An- 
trag auf ihre Erwerbung vorläufig für Berlin zu sichern. Ich war 
mit meinen gelehrten Freunden völlig einverstanden, und es ist von 
mir und andern oft ausgesprochen worden, dass die Entziffening 
des Textes schliesslich die einzige zuverlässige Entscheidung dar- 
bieten würde. ^ Gm diese vor dem eventuellen Ankauf zu ermög^ 
lieben, war einerseits dje Beantragung des. Kaufs unvermeidlich, 
andererseits aber sogar die haare Anzahlung der Hälfte der Kauf- 
summe, ebne welche Herr Dindorf die Handschrift, na^h seinem 
contractlieben Abkoji^men mit Simonides, [! !] nicht hier zurücklassen 
zu können ecklärte. leb übernahm im allgeipiein^ und in meinem 
besoodern Itterariacheu Interesse diese Anz^biung auf meix?^ eigene 
Gefahr, und wiurd« dadurch in den ^iftnd geseti^t, die Handschrift 
mit Musse.an- meuiem Sehreibtisch zu untersuchen. Da mir anfäi^-* 
lieh die notbigen Keageutien fehlten ^, und dann and^e drix^gende 



1. Wie ist das zu verstehen? Vorher spricht Herr Prof. Lepsius 
von dem „durch die öffentlichen Blätter als Schwindler bezüohtigten Si- 
monides 'S und hiernach B<oli die „BürgscbQft dqs Hrn. Diadorf in Bezug 
auf Simonides" sogar „die aus d^n entzifferten Stellen entnommenen 
Zweifel'* zurückgedrängt haben? Und zwar insoweit, um sogleich Schritte 
zu der sehr kostspieligen £rwertnmg thun zu lassen? 

2. Also auf paläographische Entscheidung verzichtete man völlig? 
Hätte nun Sinionides einen schon bekannten Text zum Palimpsesten ver- 
arbeitet, da gab es gar keine Eutsefaeid^ng in Berlin gegen. dWSohtheit? 

3. Herr Prof. Tischendorf hat mir erklärt, dass kein einziger der 
von ihm ohne alle Reageftti/w gejleseiieio Palimpseste so leserlich gewe- 
sen als die ihm vorgelegten Simonidische^ Palimpaealblätl^r. . 



— 2ä — 

Ablialtungen meine Zeit in Anspruch nahmen, so Itam ich erst nach 
10 bis 12 Tagen dazu, einige Stellen aus den Dynaslien des Neuen 
Reichs zu entziffern, die mich in nicht geringe Verwunderung setzten." 

Hierauf erzählt Prof. Lepsius ausführlich, worin die ihm im Pa- 
limpsesten vorgelcommenen Verstösse gegen die ägyptologiscfae Wis- 
senschaft bestanden haben, welche ihn auf die Unechtheit des Manu- 
Scripts geführt. Schon am 27. Jan. hat er diese seine Beobachtungen 
auch Sr. Majestät dem Könige mitgetheilt, um — wie ich aus einem 
sehr zuverlässigen Privatschreiben weiss — die Anordnung der 
Auszahlung der schon vom Könige bewilligten Kaufsumme zu ver- 
hindern. Ferner suchte er materielle d. b. auf chemischem Wege 
zu gewinnende sichere Beweise gegen die Echtheit der Schrift in 
Verbindung mit Mitgliedern der Akademie auf, und in einer „Nach- 
mittagsconferenz vom 30. Jan.'*^ mit den Herren Ehrenberg ,- Mag- 
nus, Pertz und Pinder, wurden diese Beweise festgestellt. In Folge 
davon wurde zur Einschreitung gegen Simonides die polizeiliche 
Hölfe in Anspruch genommen, und am nächsten Morgen reisten 
Polizeidirektor Dr. Stieber und Professor Lepsius zu dem genannten 
Zwecke nach Leipzig ab. 

Was zum Schlüsse Polemisches gegen die paiäograpbiseben 
Beweise des Hrn. Prof. Tiscbendorf angeführt wird , ist zuerst insofern 
unrichtig, als von „Zweifeln*' desselben an der Echtheit gesprochen 
wird. Ihiss man nicht telegraphirt um Zweifel zu melden , versteht 
sich von s^bst; und dass Prof T. schon am 23. Jan. zur polizef- 
liehen Elnsehreitang durch Prof. Dindorf, dem diese nach der ge^ 
leisteten Zahlung allein zukam, seine ganze wissenschaftliche Hülfe 
angeboten hatte, bat er mir sehou am Abende desselben Tages er- 
zäMt. Bas €rewicht der paiäograpbiseben Gründe kann ich nicht 



1. Prof. Lepsius sagt jedoch, dass die Depesche aus Leipzig vom 
29. Jan. 4 Uhr und auch der gleichzeitig abgegangene recooimaodirte 
Brief keinen Einfiass luerauf gehabt. \7ir haben dies zu glauben, weil 
es Prof. Lepsius sagt. Aber das ZusammeatreffeB ist sehr merkwürdig. 
Auch anderwärts hat derselbe geschrieben, „schon in der Woche vor 
dem Eingange der Depesche Prof. Tischendorfs habe er den Betrug voll- 
ständig entdeckt und auch materiell schlagend nachgewiesen." Aber 
warum hat man denn geracfe den 30. Januar, den Tag nach dem 29., 
zu der Gonfereoz gewählt? Warum hat man nicht sogleich, nachdem 
nder Betrug vollständig entdeckt" war, Schritte zur Bettung theils der 
2500 Thir., theiis der Ehre des ürtheils gethan? Drängten sich hier 
nochmals „aadere dringende Abhaltungen" ein?? 



24 

beurtbeilen» ab^r die darauf begründete Ueberzeugoog .de8 Herrn 
Prof. Tiscbendorf muss ich selbst ausdrücklich bezeugen, sowie ieh 
schon oben ausgeführt habe, dass er bei der allseitigen Verdäcbtir 
gung meiner eigenen Aussagen erst durch die paläqgraphische Prü- 
fung zur zweifellosen Entscheidung kam. Hcisst es dort ferner, 
dass die Entlarvung des Simonides nicht Leipzig angehöre, sondern 
Berlin, weil das gerichtliche Einschreiten nicht in Leipzig veran- 
lasst worden sei, so kann dies Jedermann nach der obigen Geschichts- 
erzählung von meinen eigenen und des Herrn Prof. Tischendorf 
Schritten beurtheilen. Wie gross vorher der Glaube des Prof. Lep- 
sius an die Echtheit war, ist deutlich; denn nicht einmal Prof. Din- 
dorf hat sein eignes Geld gewagt; erst nachdem Lepsius 2500 Thlr. 
bezahlt hatte, vollzog Dindorf am 15. Januar die Zahlung der im 
Gontracte vom Ende November festgesetzten Summe mit Berliner 
Geld. Wie aber dieser Glaube in Berlin und bei Lepsius, der die 
Handschrift so lange im Hause hatte,, möglich gewesen, ist mir 
nicht begreiflich. Es .ist unmöglich, dass grosse Philologen, wie der 
theure Nestor der europäischen Gräcisten, August Böckh, dessen 
Verdienste um die griechische Literatur unvergänglich sind, die 
Gräcität des Uranios näher kennen. gelernt. Die „gewichtige Bürg- 
schaft des Herrn Dindorf auf der einen Seite und das Verwei- 
len der Handschrift in Herrn Lep^us Hause sind hier aufklär^id. 
Denn, wenn man so wenig wie ich selbst paläographisch prüfen 
konnte, musste man nicht wenigstens die erste Seite des mit che*- 
mischem Blau sehr leserlich gemachten ersten Blattes genauer auf 
die Gräcität ansehen und schon da durch die moderne Redensart xar' 
if^fiv iSiav und dergleichen klar über das Machwerk eines so be- 
rüchtigten Mannes vom Jahre 1854 werden? Dagegen sagt die AUg. 
Ztg., dass man es gar ins 2. Jahrb. zu setzen in Berlin geneigt war« 
Zu Halle wurde mir neulich ein Brief vom 25. Jan. von einem nahen 
Freunde des Prof. Lepsius vorgelegt, worin die Echtheit des Uranios 
noch ganz sicher verzeichnet steht. Von da an haben also die Zwei- 
fel die Oberhand gewonnen. Wenn aber auch diese glücklichen, 
der ägyptischen Wissenschaft und Herrn Lepsius zur Ehre gereichen-* 
den Entdeckungen im letzten Augenblicke — denn schon die Kauf- 
dumme war bewilligt und die Auszahlung der zweiten Hälfte war an- 
geordnet — nicht stattgefunden hätten, 90 war doch die „Entlarvung'* 



25 

des Betrugs ausser allem Zweifel. Weder ich noch Prof. Tischen- 
dorf bedurfte erst der Aegyptologie. Die Geldsache berührte allein 
Prof. Dindorf und Prof. Lepsius ; aber die Rettung solcher Vorschüsse 
und solcher Zahlungen lässt sich nur sehr gering anschlagen, wo es 
sich um die £hre und Rettung der philologischen und paläographi- 
sehen Wissenschaft handelt. 

Zuletzt muss ich einer Anecdote Erwähming thun» welche be- 
weist, dass Simonides eine merkwürdige Antipathie gegen diejeni- 
gen hatte, die zu seinem Falle führen sollten oder doch unter den 
vielen Gläubigen als seine Gegner dastanden. Wie dies in Leipzig 
raitProf. Tischen^orf geschah, so geschah es mit einer weltberühmten 
Persönlichkeit zu Berlin. Simonides geüel sich eines Tages, schon im 
Aug., darin, die deutschen Städte, die er bereits gesehen, wie Berlin, 
gegen andere ausser Deutschland herabzusetzen. Da sagte ich zu 
ihm : Wenn du die Städte nicht magst, so musst du doch die Mannejr 
in Deutschland hochachten. Welche Nation ausser ihr hat einen 
Humboldt, den Aristoteles der neuen Zeit? Diesen Namen, so wenig 
er ihn aussprechen konnte, konnte aber Simonides gar nicht leiden. 
Und Alex. v. Humboldt war es, wovon ich das zuverlässigste Zeug- 
niss mit meinen Augen und, ich darf es sagen, zugleich auch von 
seiner eigenen Hand gelesen, welcher, umgeben vom Enthusias- 
mus vieler BerUner Gelehrten, „gar nicht sehr an die Echtheit des 
Uranios glaubte.*' 



Nachtrag I. 



Ich muss hier noch einem' Vorwurfe begeg^nen, der wohl für die 
meisten Leser einer Zurückweisung gar nicht erst bedarf. Ich meine 
den Vorwurf, den man mir macht, indem man sagt, dass ich den Si- 
monides als einen Landsmann hätte weit mehr schonen und in einem 
ft-emden Lande nicht in solcher Weise hätte preisgeben sollen. Wer 
so sagen kann , vermag weder die Sache richtig zu beortheilen noch 
meinen Standpunkt zu begreifen. Habe ich mir in dieser Angelegen* 
beit einen Vorwarf zu machen, so besteht er vielmehr darin, dass ieh 
meine Pflicht als befreundeter Landsmann gegen Simonides lebhafter 
gefühlt und treuer erfüllt haben möchte, als ieh wohl gesohlt. Ich 
wagte dieser Pflicht treu zu bleiben , so lange es nur mit meiner Ehre 
und mit meinem Gewissen vereinbar war. Sobald ieh aber zur Ueber^ 
Zeugung kam, dass siehs hier um Fälschung und Betrug handele, 
würde ich mich zur grössten Gewissehloeigkmt emiediigt babeo, 
h^te ich es noch geduldet, dass solch ein mß^fjX^notig , ein juor;;o^ 
mtvMovadiv (wie mir ihn neiilkh oki väterlicher Freund bezeichnete) 
ein so freches Spiel mit der Wissenschaft und mit den l^haaem äert 
Wissenschaft treibe. Hätte ich aber dennoch geschwiegen, was wäre 
denn nun bei der Entdeckung des Betrugs, welche doch auf keinen 
Fall lange ausbleiben konnte, die Folge davon gewesen ? Nichts an* 
deres als dass der wohlverdiente Schimpf des Simonides sowohl auf 
mich zugleich als auch auf alle Landsleute griechischer Nation ge- 
fallen wäre. Und dies deshalb , weil man geglaubt haben würde, die 
Griechen in Leipzig hätten sich zusaromengethan, um den Simonides 
die deutschen Gelehrten mit Erfolg mystificiren zu lassen. Und des- 
halb eben, wie ich gleich zu Anfling meiner Schrift in der 1. Auflage 
gesagt habe, war es die Sache der Wahrheit und das Interesse der 
Wissenschaft und die Ehre des griechischen Vaterlandes , warum ich 
so stark und entschieden gegen den Simonidischen Betrug aufge- 
treten bin. Wem freilich diese hohen Interessen des Lebens, die 
Wahrheit, die Wissenschaft, das Vaterland, gleichgiltig sind, von 



— %1 — 

1 

dem diirf ich oioht hoffen, mit Gerechtigkeit beurtheilt zu werden. 
Wenn ich mich noch heute daran erinnere, wie ungerecht und. bittet 
man mich von Seiten achtbarer deutscher Gelehrten und von Seiten 
fast aller hiesiger Griechen beurtheiite, damals nämlich, als der An- 
kauf der Palimpseste betrieben wurde und nun gar die günstigen Er- 
klärungen der Berliner Akademie in Leipzig verlauteten, wie man 
mieh da preisgab7 und als eigensinnig, als neidisch verhöhnte: so 
fiS^*j^ ich mich allerdings nunmehr in einer Weise gerechtfertigt, die 
mlla auch iiber neue lieblose Urthei^ tröstet. 



Nachtrag II. 



Einige englische und französische Zeitschriften haben den Si- 
mMiidiscben Palimpsestbetrug dazu benutzt, einem seltsamen Ueber- 
muthe gegen die deutschen Gelehrten Luft zu machen. Ich darf nicht 
dama denken mich zu einem Vertheidiger der Letzteren aufzuwerfen ;^ 
dowi wcff ia aller Welt wüsste nicht, dass die Verdienste der deut- 
schen Gelehrten auf ^em Felde der griechischen Literatur, gross. ge- 
nug sind, um über Jede Goncurrenz der Engländer und Franzosen 
erhaben zu sein ? Aber nuf das erlauben wir uns zu bemerken , dass 
in den Simonidlschen Angelegenheiten Engländer und Franzosen 
nicht das Geringste vor den Deutschen voraus haben. Denn sowohl 
in England als in Franlpietch» in d#ni ergtcien vorzugsweise, hat 
sich Simonides aufgehalten und bedeutende Erfolge mit seinen 
unecfa^n Handschriften erzielt. Nichtsdestoweniger ist er aber 
dflselbst luigestraft, zum Theil auch in den Fälschungen uner- 
^ kannt geblieben. Ja sogar ist es ihm gelungen, in England selbst 
eipige der schon in Athen als Simonidisches Machwerk erkannten zu 
verkaufen. Nach diesem Verkaiife blieb er noch ein gana^es Jahr un- 
hieheUigj{ in. London. Was seine Erfolge in Leipzig bedingte , das 
Wftc zuvörderst der Umsiand, dass er den zum allergrössten Theile, 
doch wicklich echsteo Hermastext zu so grosser Ueberraschung zum 
V#ssehein brachte, upd .sodann der kluge Einfall» mit Palimpsesten 



28 

aufeotreten. Dieses Mittels bedurfte es weder in England aocb in 
Frankreich, denn hier Hess man sich mit einIschen Mss. hintergehen. 
Palimpseste aber sind offenbar viel Schwerer als unecht zu erkennen» 
wie ja überhaupt diese Art von Handschriften zu den seltensten, nur 
von wenigen Gelehrten gründlicher gekannten gehören. Und hatte 
sich nun auch der eine Leipziger Gelehrte, der durch seine in Eng- 
land und Frankreich verlegten Klassiker-Ausgaben berühmt gewor- 
dene, täuschen lassen (gewis$ als ^E^inov d^iaawtrjg x»r äf^^f^f 
so rettete dagegen Prof. Tischendorf die Ehre der deutschen Gekm- 
samkeit dadurch, dass er mit paläographischem Scharfblicke so- 
gleich, sobald er es sah, das Palimpsest als unecht erkannte und 
nachwies. Hat sich ferner auch die Berliner Akademie eine Zeitlang 
täuschen lassen , so kam dies gewiss daher , dass man zu viel Ge- 
wicht auf Prof. Dindorfs ürtheil legte , weleher über 4 Monate die 
Handschrift geprüft hatte, und weil wirklich das Palimpsest des Si- 
' monides als eine sehr gelungene Nachahmung erscheinen mag , wenn 
man nicht mehrere wirklich echte , die in Berlin fehlen sollen , da- 
neben legen kann. Uebrigens hatte doch\fast nut Prof. Lepsius ei- 
nige Wochen lang Gelegenheit zu genauerer Untersuchung, und 
wenn dieser auch kein Püläograph und kein Kenner der griechischen 
Sprache ist, so ist er doch ein grosser Aegyptolog; und der ka»* 
gang seiner Sgyptologischen Prüfung ist bekannt. 



Nachtrag DI. 



Es ist unrecht von mir, dass ich in meiner obigen Darstellung 
nur die eine der beiden Erklärungen, welche Herr Prof. Dindörf 
über seine Rolle bei der Uraniossache veröffentlicht hat, benutzt 
habe. Denn die zweite vom 9. Febr. in der Deutsch. Allg. Zeit. 
Nr. 36 ist fast noch mehr geeignet, seinen Charakter ins Licht zu 
stellen. Der ganze Aufsatz ist dazu angethan , die Erklärung des 
Herrn Prof. Lepsius, die wir schon oben benützt haben, zu bestä«^ 
tigen, aber auch zu berichtigten. Es hat ganz den ßobein^' als eh 



diese beiden Gelehrten in dieser Angelegenbeil^ias alte iLlassiselie 
Wort: avv Si Sv iQyofiivm, auf sich angewendet iiätten, in dem 
Glauben, dass die Wahrheit Iceineu andern Kanal zur OeffentUchlteit 
finden werde. Aber das klassische Wort hat hier zu keiner klassi- 
schen That geführt. 

In dem 2. Aufsatze des Herrn Prof. Dindorf heisst es: „Hätte 
ieh eine solche Abschrift — >«eine vollständige Abschrift, d. h. die 
Urschrift des Uranischen Textes*' — besessen, so würde ich nicht 
in der Zeil vom 30. Dec. bis 12. Jan. mich und die Gelehrten in 
Berlin bei meinem dortigen Aufenthalt mit Entzifferung einer An- 
zahl Golumnen bemüht, sondern uns die Sache duFch Einsicht der 
Abschrift des Siraonides erleichtert haben , der im Lesen erloschener 
Sehriilzüge eine ungewöhnliche Fertigkeit besitzt, wie er mir mehr-* 
m»l8 durch Vorlesen von längern Stellen bewiesen hat*' u. s. w. 
Hierauf erwiedere ich mit der Fri^e : Hat denn der Herr Prof. Diihr 
dorf wenigstens diejenige Abschrift den Herren in Berlin miigetheilt, 
die er seit dem 1. Dec. in seinem eigenen Hause gehabt? Diese Ab-^ 
Schrift umfasste das ganze erste Buch und einen Theil des zweiten 
Buches, und daraus würden die philologischen Gelehrten in Berlin 
zur Genüge erkannt haben, was der Uranios für ein Produkt sei. 
Aber ich lese weiter: „Demgemäss erlangte ich von Simonides erst 
am 15. Jan. bei Auszahlung der 2000 Thlr. das Bruchstück einet 
Abschrift, bestehend aus dem ersten Buche und einem kleinen Theil 
des zweiten Buches.'* Ist es möglich, dass dies Herr Prof. Dindorf 
gesehrieben? Ich selbst habe ihm ja am 21. December aus d er bei 
ihm befindiiche.n Abschrift die Beweise der schiechten Gräcität 
vor Augen zu legen gesucht. Und noch mehr. Gleich darauf fahrt 
Prof. Dindorf fort: „vom dritten Buche keine Zeile." Aber ich be- 
sHze von Herrn Dindorfs eigener Hand das Billet, worauf steht: „Ich 
erbitte mir eine Abschrift der letzten ein oder zwei Golumnen des 
dritten Buches des Uranius." Dies Billet ist vom October 1855, 
und^Simonides erfüllte die Bitte Herrn Dindorfs mit den Worten : 
„Ich gebe Prof. Dindorf alles was er will, mich selbst." Dennoch: 
schreibt Herr Prof. Dindorf am 9. Febr. 1856: „vom dritten Buche 
keine Zeile"? Und er erlaubt sich, mit Verachtung von „den beiden. 
Griechen" zu sehreiben, „die sich gegenseitig als Lügner bezeich- 
neten"? Kann es noch zweifelhaft sein, auf wen dies Ehrenwort 



passe? Und weletien Eindruck madit es , wenn frof. Difi'dorf noeh 
am 9. Febr. voll, der alten fiochaebtung von 8imonides schreibt: 
„der im Lesen erloschener Scbriftzüge eine un gewöhn« 
liehe Fertigkeit besitzt''? Glaubt Herr Prof. Dtndorf noch 
immer nicht, dass die „erloschenen Schriftzüge'* von des Herrn Si- 
monides Hand geschrieben ge\resen seien? Läset sich damit dIeBe- 
Wanderung der „ungewöhnlichen Fertigkeit/' seine eigene Schrift 
z« lesen, verbinden? 

Weiter beisst es noeh ; „Jenes unverfängliche Bruchstück einer 
Abschrift^' — d. i. das ganze 1. Buch und ein Thetl des zweiten — 
„noch nach dem 15. Jan. nach Berlin, w,o man sich bereits für 
die Echtheit entschieden erklärt hatte, zu senden, schien 
mir um so tiberflüssiger, da man ausser der Handschrift audk wnr 
fängliche, vollständig entzifferte Proben- aus dem Anfeng des erBleD> 
und zweiten Buches in Berlin hatte, die keinen Anstoss geget>en 
hatten.'' Hierzu nur die eine Frage, ob in diesen „umfängUchen 
Proben, aus dem Anfang des ersten Buches" wohl auch das berühmte 
Mar' i/Li'^v idiav gewesen? Herr Prof. Lepsius hat darüber nach 
Leipzig geschrieben, „dass die Mittheilungen Dindorfs, die mit det 
erstenColumne schlössen , unmittelbar vorher abbrachen." Wel* 
eher der beiden „würdevollen authentischen Erklärer" mag hier der 
Würde der Wahrheit am nächsten stehen? Kochmals sieht hierauf 
Prof. Dindorf mit den Worten zurück : „Der anfängliche Irrthum det 
Akademie" — man darf nicht vergessen, dass die Rolle des be*' 
rühmten Philologen seit dem 1 . Febr. der fk-ühere« gegen mich tmd 
Snnonides gespielten Rolle so unähnlich geworden ist, dass nun- 
mehr bei ihm nur noch von der Akademie, von ihm selbst ganz und 
gar nicht die Rede ist — „beruhte hauptsächlich auf Betrachtong 
der Anfänge des ersten and zweiten Buchs , die so beschaffen ^df 
dass aus denselben der Beweis der Unechtheit schwer zn führen 
sein würde." Also auch hierin bat Herr Prot Bindorf seinen unge* 
heuern Irrthum npch nicht eingesehen? Der Beweis der Unechtheit 
ist schwer zu fuhren aus der Betrachtung „umfänglicher Proben," 
den „Anfängen des ersten und zweiten Boches"? Und ich habe 
imaiier geglaubt, dass die Prüfung weniger Zellen , namentlich die 
Prüfung des einzigen ersten Blattes sonnenklar den üranios des 
Simonides ins 19. Jahrhundert und nicht ins 3. setze?? Aber ein 



31 

anderer Satz schliesst uns den Mund : „Die bevorstehende Veröffent- 
lichung dieser Proben wird die Wahrheit dieses Ausspruchs bestä- 
tigen." Tritt diese Veröffentlichung wirklich noch ein, dann stehe 
ich dem Herrn Prof. Dindorf nochmals als Dolmetscher zu Diensten. 
Noch ein Satz nimmt unsere Aufmerksamkeit in Anspruch: ,,Wer 
über die Unechtheit des Werkes schwatzte, ohne den Inhalt dessel- 
ben zu kennen , hatte wek leichteres Spiel als die Akademie , der 
jene Proben des Inhalts vorlagen." Nachdem Herr Prof. Dindorf mit 
dem „Lügner** fertig geworden, kommt er zum „Schwätzer." Wer 
ist hier der Schwätzer? Nur zwei Personen haben dem Herrn Prof. 
Dindorf die Unechtheit des Uranios klar vor Augen gestellt. Zuerst 
ich, später der Herr Prof. Tischendorf. Habe ich vom Inhalte des 
Werkes weniger gekannt als die Akademie, und dennoch die Un- 
echtheit desselben mit voller Gewissheit erkannt , nennt dies der Hr. 
Prof. Dindorf ein Schwatzen? Noch am 27. Jan. (s. S. 19.) Hess mir 
derselbe melden, er bedauere mich. Trotz alles Schwätz ens 
also war der berühmte Philologe von Ende August bis Ende Januar 
nicht zu bewegen gewesen, die erbärmliche Schreiberei des Simo- 
nides vom Jahre 1854 mit eigenen Augen als solche zu erkennen, 
und sie nicht ins dritte Jahrhundert zurückzuversetzen. Oder gibt 
Prof. Dindorf diesen Ehrentitel seinem Herrn Gollegeh , zum Danke 
dafür, dass er ihm auf den ersten Blick das theuere Palimpsest als 
falsch nachgewiesen ? Aus Schonung für Herrn Prof. Dindorf hatte 
Herr Prof. Tischendorf, wie er mir erzählt hat, von der Unechtheit 
des Werkes gar nicht gesprochen, sondern nur erklärt, das Palimpsest 
als angebliche alte Unzialhandschrift sei unbedingt ein Betrug; viel- 
leicht habe aber Simonides irgend eine moderne Papierhandschrift 
dazu verwendet. Aber diese Schonung bestärkte Herrn Dindorf nur 
in seiner Verhärtung gegen die^ Beweisführung. Wie aber Prof. 
Dindorf selbst das Simonidische xar' ift^v Uiav gegen meine Ein-» 
Wendungen als üranisch vertheidigte, und also jedem Beweise aus 
der scMechten Sprache unzugänglich war, so muss es ihm freilidi 
wie „ Geschwätz " vorgekommen sein , wenn Prof. Tischendorf aus 
der blassen paläographischen Ansicht und Prüfung jener zwei Blätter 
unerschütterlich gewiss vom Betrüge überzeugt war. Ein Blinder 
kann nicht begreifen was Sonnenlicht sei. Hiermit ist Alles klar. 



n. 



Nach dieser geschichtlichen AuseinaDderse^ung geheim wir nun 
zu einer kurzen Kritik des Simooidischen Werkes über, und zugleich 
und besonders zum Nachweise der Stellung, welche Dindorf hierzu 
genommen hat. Wir haben deshalb zu fragen , welche Gründe denn 
Herr Prof. Dindorf hatte, ungeachtet meiner, doch gewiss auch für 
ihn nicht ganz unerheblichen Zweifelsgründe, die Echtheit des Ura* 
nios zu behaupten. ^ 

.Der erste Hauptgrund war der, dass er dem Herrn Simonides, 
so hohe Achtung er auch vor seinen Talenten, besonders vordem 
Luchsblicke ^ und- vor der Entzifferungsgabe desselben hegte, doch 
nicht die hinlängliche Fertigkeit zutraute, um ein vor der chemischen 
Prüfung bestellendes Palimpsest zu fabriziren. Was dies und die 
ganze paläographische Seite des Uraniospalimpsestes betrifft, so er- 
klären wir unser Urtheil hierüber für incompetent, und haben uns 
an die Entscheidung eines tüchtigen Paläographen zu halten. ^ Dass 
diese Entscheidung schon gegeben worden ist , wissen die Leser. Ich 
habe oben in der Geschichtserzählung Seite 18. davon Nachricht ge- 
geben^ dass Herr Prof. Tischendorf sogleich beim ersten Anblicke 
der beiden Palimpseste die paläographische Unhaltbarkeit erkannt und 
aufgedeckt, indem er sein Urtheil sowohl auf die Innern Widersprüche 
und falschen Formen der Schrift^ als auch auf das Pergament stützte, 

t. Man wird wohl auch fragen, was denn Simonides selbst auf die 
von mir bei Jeder sich bietenden Gelegenheit laut gewordenen Anklä- 
ffen erwiedert habe. Er erklärte vor Griechen und Nichtgriechen , der 
Grund meines Benehmens sei nur Gaprice. Nun da er auch damit so 
vielen Glauben gegen mich gefunden, denn er verkehrte fortwährend 
fleissig mit seinen hiesigen Freunden, so muss^e er zur Vermuthung 
kommen, man respektire seine Menschenkritik so sehr wie seine Ma- 
nttscriptenkritik. Erst neulich hörte ich, dass er ausserdem die Meinung 
zu verbreiten suchte, ich sei von der griechischen Regierung zu seiner 
Verfolgung veranlasst worden. (!!) 

2. Siehe oben Seite 9. 

B. Es ist in dieser Sache ein Widerspruch von Seiten des Herrn 
Prof. Lepsius gegen Herrn Prof. Tischendorf hervorgetreten, welcher 



38 

welches letztere auch 'einem Laien in dieser Wissenschaft voUkom« 
men einleuchtet, sobald echte Palimpseste des hohen Alterthums 
neben die felschen gelegt werden, wovon ich selbst überzeagt wor* 
den bin. , 

Und welche Gründe bewogen Herrn Prof. Dindorf noch ausser 
diesem ersten sich für die Echtheit zu entscheiden? Ganz besonders 
der , dass Jedes Wort in dieser Schrift doch griechisch sei ! ! 

Schlecht stände es wahrhaftig um die Kritik, wenn sie ihr Ur^ 
theil Ober Echtheit und Unechtheit alter Autoren blos auf die einzel-^ 
nen Worte stützen wollte. Soll ich denn erst noch beweisen, dass 
man ausschliesslich echt griechische Worte brauchen kann und da* 
mit eine Schrift zusammensetzen, deren Styl himmelweit von der 
alten Graecität verschieden ist? Wenn der Herr Prof. Dindorf den 
Uranios in das 3. Jahrb. versetzen will, wohin wird er denn die bei 
weitem besser altgriechisch geschriebenen Werke eines Eugenius, 
Korais (in seinen kritischen Anmerkungen), Olkonomos, Dukas etc. 
versetzen? Wahrscheinlich in die klassische Periode eines Plato and 
Xenophon! 0, das ist doch eine jämmerliche Kritik,' die ich nicht 
dem geringsten der in meinem Vaterlande so hoch geachteten Phllo^ 
logen Deutschlands zugetraut hätte. Aber das ist sogar die Kritik 
eines durch seine sogenannten kritischen Ausgaben der griechischen 
Klassiker weit und breit genannten Professors, eines Landsmannes 
von Goüfr. Hermann, der freilich schon längst ürtheite über W. Din^ 
dorfs Befähigung abgegeben, die seine Menschenkenntniss ausser 
Zweifel stellten und die ihm noch im Grabe zur Ehre gereichen. Also 



fiir den Letztern gar nichts bedeuten liann. Denn Lepsius sägt in seinem 
Artikel vom 17. Febr. (Augsb. Allg. Zeit. Nr. 59) ausdrücklich, dass „die 
paläographisctie Kennerschaft'* Herrn Prof. Tischendorfs von ihm „durch- 
aus niclit in Zweifel gezogen worden sei." Wenn er aber hinzusetzt, 
dass sich in einem Briefe des Herrn Prof. Tischendorf „unrichtige An- 
gaben", über die Schriftzüge des Uraniospalimpsestes gefunden habend 
so genügt es dagegen zu bemerken, dass Lepsius in seiner Antwort 
vom 15. Febr. auf eben diesen Brief, deren Einsicht ich mir ausgebeten 
habe, geradezu schreibt: „wir können jetzt alle, und Sie vor Allen an 
Jedem Buchstaben nachweisen, dass er in irgend einem Pünktchen 
von den uns bekannten Vorbildern abweicht," und auf der letzten Seite 
desselben Briefes wird Prof. Tischendorf „unser erster Handschriften- 
kenner" genannt. Diese Aussprache vom 15. Febr. darf man nicht ver- 
gessen bei der vom 17. Febr. Im üebrigen dürfen wir auf die Beilagen 
SU UDserer Schrift und noch mehr auf die verheisseoe gelehrte Abhand- 
lung Herrn Prof. Tischendorfs über die Paläographie der Palimpseste 
des Simonides verweisen, 

^3 



u — 

auf die Wörter beschränkt sich Herr Prof. Dindorf bei der Prüfling 
eines ^echiscben Klassikers vom aller neuesten Datum ? ja , aaf 
die Worte kommt gar yiel an, denn die W(»te sind die Kleider der 
Gedanken, und der Geist jedes Zeitalters offenbart sich auch in ihnen. 
Wie aber bei einem Gebäude nicht der Stoff es ist, der dem Ganzen 
seinen eigenthümlichen Charakter verleiht , sondern die Verbindung 
der einzelnen Stoffe zu einem harmonischen Ganzen, und wie bei 
einem Gemälde nicht sowohl die einzelnen Züge den Haupteindruck 
bilden, den dasselbe auf uns macht, sondern der durch die harmoni- 
sche Verbindung der Zii^e dargestellte Gesammtcharakter , so sind 
es auch bei einem Schriftsteller nicht die Worte , nicht die Wörter, 
wie ich wohr sagen muss, sondern der Styl, die Art wie die Worte 
zu efnem Ganzen verbunden sind , der Gedankengang , der Perioden- 
bau, wovon, sprachlich betrachtet, die Eigenthümlichkeit sowohl 
eines einzelnen Schriftstellers, als einer ganzen Zeitperiode abhängt 
Wie in allen plastischen Künsten, z. B. in der Malerei und Bild- 
hauerkunst, nur die Symmetrie, das Kbenmass der einzelnen Theile 
unter einander es ist, was den Werken selbst wahre Schönheit verleiht, 
so werden auch die Produkte der Styhstik nur durch diese Symmetxie 
zu einem schönen Ganzen erhoben, und nur ihr verdanken sie den 
Eindruck, den sie als Kunstwerke auf uns machen. Diese stylistisclie 
Symmetrie besteht theils darin , dass die Worte genau die Gedanken 
bezeichnen, dass sie nicht mehr und nicht weniger sagen als dadurch 
ausgedrückt werden soll , theils darin , dass die Worte selbst im rich- 
tigen Verhältnisse zu einander stehen. Dahin gehört es zum Bei- 
spiel, dass kein hochpoctischer Ausdruck in einem prosaischen Ab- 
schnitte vorkommen, und ein erhabenes Gedicht nicht durch einen 
niedcrn Ausdruck entstellt werden darf. Diese innere gegenseitige 
Angemessenheit finden wir nun vorzüglich und am reinsten in der 
klassischen Periode. Hier entquellen die Gedanken rein der geläu- 
terten und wahrhaft begeisterten Seele des liünstlers , des Schrift- 
stellers. Die Einfachheit mit der Erhabenheit verbindend, waren 
die Worte nur natürlicher Ausdruck von ungezwungenen und unge- 
künstelten Ideen und Gefühlen. Durch die treue Nachahmung der 
reinen Natur, welche für alle Künste das ewige^Musler und Vorbild 
ist, wurden jene erhabenen Werke unserer unsterblichen Vorfahren 
geschaffen, welche, gleich glänzenden Sternen, andern Himmel der 



: — as — 

Literatur leuchteten, und ein Licht wurden, welches den entfernte- 
sten Nationen der Welt den Weg zeigte , auf dem sie selbst zur Voll- 
kommenheit gelangen könnten. Als später die Gedankenfülle der. 
klassischien Pei;iode abnahm, suchte man durch künstlichen Rede* 
prunk, durch falsches Pathos, durch Ueberladung mit Bildern den 
Mangel an Gefühl und Ideen zu ersetzen; und wie an die Stelle der 
wahren Philosophie eine trugvolle Sophistik getreten war , so wurde 
auch der Styl der Natur immer untreu<£r, er wurde immer unwahrer 
und unklarer. Das natürliche Gefühl für das Schöne schwand immer 
mehr, und die frühere so originelle Sprache wurde mit fremden Ele- 
menten versetzt. Was Dionysius von Halikarnass in übertreibender 
Weise von Plato's Dialekte sagt, das findet auf diese ganze Zeit volle 
Anwendung. ^ 

Ganz besonders hatte auf diese ungünstige Umgestaltung der 
Verlust der Freiheit £influss, der Freiheit, welche die Mutter' alles 
Schönen ist. Die allgemeinen Unglücksfalle, welche das Sinken 
aller Künste und Wissenschaften veranlassten, führten auch ein 
schnelles Sinken der griechischen Spracbfeinheit herbei. Der Styl 
der Zeit wurde immer schlechter, je weiter man sich von den Klassi- 
kern entfernte , und sehr wenige gab es , welche die Alten uachzu* 
ahmen verstanden^, und selbst über die Werke solcher Autoren 
schwebte, wie ein verderblicher Luftzug , der Geist ihrer Zeit. 

Dieser Verfall der griechischen Literatur dauerte fort, bis wir 
in den Byzantinern die letzten schwachen Ueberreste, den letzten 
Nachschimmer des früheren Glanzes wiederfinden. Keineswegs war 



1. MeXctivEi T£ ro aatpkg (fj dcccXexros tov IlXarwvos) xal ^oqxi^ 
notti 7TaQct7j%r^aiov ^ eXxei re fxaxQav anorcLvovau roy vovv^ avax^i— 
%pai cffi d'eoy ey oXiyotg ovofiaaiy^ ix^^Trae eig dneiQoxcfXovs ne^i^^cc 
aeiSi nXovzoy inideixyvfievri xeyoy^ tneQcdovaa re xtüv xvqLiov xal ey 
rff xoiyfi /(»jaf« xetueycoy^ rä nsnoirjfjieya ^rixel xal Hvcc xal «();|f««o- 
ft^enrj, Cf. Oionys. Haue, epiät. ad Gn. Poinpej. 11, 5. 

2. Der witzige und sehr geistreiche Lucian ist einer der besten und 
glucklichsten Nachahmer der Klassiker. Doch ist es ihm nicht gelungen, 
sie so vollkommen nachzuahmen, dass er die Eigenthümlichkeit seines 
Zeitalters nicht bisweilen verrathen hätte: z. B. sagt er: rl de avtoy 
i^tor^g {Zevg iXeyx- IB.) in der Bedeutung über .lemand etwas erfra- 
gen, sich über Jemand in etwas erkundigen. Die Alten, bei denen 
dies meines Wissens nicht vorkömmt, wüi-den für di avtoy wohl nsgl 
avjoT' gesagt haben. Im Neugriechischen ist die Lucianische Construktion 
völlig im Gebrauche. Jid bezeichnet hier also nicht blos den Grund, 
weswegen, sondern auch das, worüber. * ^ 

3* 



86 

Jedoch der grosse griechische Geist völlig erstorben , sondern selbst 
unter den Trümmern des Byzantinischen Reiches wurden hie and da 
leise Regungen wach, wie Regungen eines Schlummernden , wodurch 
die Sehnsucht nach Befreiung geweckt und der Arm allmählig geho- 
ben wurde zu grossartiger begeisterter Anstrengung, bis endlich 
das so lange auf der Nation lastende Joch siegreich abgeworfen war. 

Gerade jetzt scheint die griechische^Literatur wieder einen Auf- 
erstehungsmorgen zu feiern , wenn auch nicht gerade durch den von 
einem so grossen Philologen anerkannten und des höchsten Alter- 
tkums würdig erklärten Ov^aviog xära SifuwviSrjv, Unter fleissi- 
ger Nachahmung ihrer grossen Vorfahren , aber auch mit selbststän- 
digem Geiste alie Fortschritte der Neuzeit benutzend, werden die 
Neugriechen» das hoffen wir zuversichtlich , Werkehervorbringen, 
die der Beachtung der gebildeten Welt würdig sein werden. 

Was ist nun das Geschäft des wahren Kritikers bei dieser Viel- 
seitigkeit der griechischen Sprache , bei dieser grossen Mannigfaltig- 
keit der Erzeugnisse derselben , die in jedem Zeitalter einen andeni 
Bildungsgang genommen und sich anders gestaltet haben? Er muss 
gleich einem geschickten Botaniker bei jedem Erzeugnisse der grie- 
chischen Literatur den ihm eigenthümlichen Charakter herauszufin- 
den suchen und ihm darnach die gebührende Stelle anweisen ; ja , er 
muss die verschiedenen Umgestaltungen und Eigenthümlichkeiten 
jedes Zeitabschnittes bis in die kleinsten Details verfolgen, wenn er 
über die Echtheit oder Unechtheit eines griechischen Werkes , das 
einer bestimmten Zeit angehören soll , entscheiden will. 

Gelten nun diese Entscheidungsgründe bei den bezweifelten 
Werken eines Verfassers , von dem viele als echt anerkannte Werke 
vorhanden sind, so müssen sie noch vielmehr da in Anwendung 
kommen , wo es sich um die Prüfung der Echtheit eines Werkes von 
einem solchen Schriftsteller handelt, von welchem gar l^in echtes 
Werk in der Literatur vorhanden ist. * Hier bedarf es von Seiten 



1. Wenn wir die8 sogleich auf Uränios anwenden , so ist zu be- 
merken, dass wir von ihm nur durch Steph'anus Byzantinus einige Nach- 
richten besitzen , und zwar verweist Stephanus an verschiedenen Stellen 
(vgl. hierüber Fabric. Bibl. Gr. Vol. IV. Seite' 660) auf üranios, d. h. 
auf seine "ÄQaßixa (nicht auf die Aiyvnrcaxd, wie 1. Aufl. S. 4, Z. 1 
angedeutet worden war). Im Allgemeinen sagt er über ihn: OvQ&viog 
fiV xoig^Aqctßioioig. äiioniarog ^dyrl^ ne^l rä roiavra ' ffnov&rjp yaq e&ero 
Icjo^fiOai dx^ißüüg t« tfjs Ä^aßlceg etc. Siehe x^^axtofißcc. An zwei 



37 

des Kritikers eines sehr feinen Gefühls, um ein glückliches Resultat 
zu erreichen. Denn da kann er nichts zu Hülfe nehmen als den all'* 
gemeinen Sprach - und Ideencbarakter der Zeit , wo der angebliche 
Verfasser lebte; viel weniger muss er die £rgebnisse seiner For- 
schungen auf die einzelnen Worte , als auf deren Zusammenstellung 
und Verbindung zu begründen suchen. Hätte. Herr Prof. Dr. Dindorf 
so verfahren , so würde er gewiss den Uranios des Herrn Simonides 
als unecht anerkannt und sammt seinem Verfasser in das Kynosar^ 
ges^ geworfen haben. ^Die Anerkennung des Uranios zeigt, dass 
Hei:;r Prof. Dr. Dindorf keinen Grund zu der mir persönlich gemachten 
Bemerkung hatte: ,, Die Engländer konnte Herr Simonides betragen, 
aber nicht mich/' Man ist wirklich in Verlegenheit, wie man dabei 
über Herrn Prof. Dr. Dindorf urtheilen soll. Soll man glauben , es 
fehle ihm überhaupt au Gompetenz über einen Schriftsteller zu ur- 
theilen, oder geht ihm nur ein gewisses divinatorisches Gefühl ab, 
dessen Mangel Nichtgriechen , so bewandert sie auch in der griechi- 
schen Sprache sein mögen, doch zu solchen Fehlgriffen verleiten 
kann? Allein diese Annahme wird durch gründliche Kenner der 
Gräeität, wie sie namentlich unter den Deutschen aufgetreten sind, 
ich erinnere nur an F. A. Wolf, Gottfried Hermann, Ottfried Müller, 
und unter den Lebenden an Boeckh, Winer, Thiersch, Bernhardy, 
in ihrer Allgemeii^heit völlig widerlegt. Ja, es hiesse sich gegen 
die gründliche und tiefe Philologie der Deutschen versündigen, wollte 
man die kritische Niederlage W. Dindorfs zur Grundlage eines all-* 
gemeineren Urtheils machen. 

Stellen hat er uns sogar zwei wörtliche Auszüge aus demselben Werke 
aufbewahrt, woraus hervorgeht» dass Uranios im jonischen Dialekt ge« 
schrieben. Die erste heisst: lA.ßaariyoi e&yos ld.(iaßiccs. OvQavios eV 
\Aßa§(xS^y xqLxt^. Mtta roifS Xaßctiovs XaxqafAotrca xal 'Aßaariyoi. xai 
naXcy 'H x^9V "^^^ 'Äßaai^ya>y auvQyriy q>e^ei xai oaaoy xai Svfiiafui 
xai XBQxa^oy, yeaiqyovai de xac noQWV^^y^ noiriy^ elxeXi^y atfjiati 
Tv^iov xo^Uea)* Die andere: 'E^vd-Qn fi^&dXaaca ctno 'Eovd-^ov tov 
figcoos, Ovgayios d*iy ^Agaßcxoöy devtega dno xtoy nagaxBiuBycoy ogoiy, 
a SQvd'^a o€iy<og eiai xai noQtpvga , xat eniqy ßaAAH eis avra o iJAios 
triy avyi^y, xaranifinei elg xi^y d-dXaaaay axidy i^v^oay, xai of/r 
ßg(^ de xaxaxXvad-iyxtüv xcjy ogiooy xdxto avg^ioyxi eis &aXaa0ayy ot^Toi 
yiyyexai ^ ^aXacaa xi^v ;f(>6«j'. Es ist klar, dass diese Stellen von 
einem sorgfaltigen Kritiker mit dem angeblichen Uraniostexte des Simo- 
nides hätten müssen zusammengehalten werden. Und sie würden ein 
sehr starkes Zeugniss gegen die Echtheit des Letztern geliefert haben. 

1. Der Ort im alten Athen, wohin die unehelichen Kinder gewor* 
fen wurden , vgl. KvyLaaqyes Steph. Thes. Gr. Ling. ed. Hase e^ Dindorf* 



38 

Wie beweisen wir nun unsere so oft schon ausgesprochene 
Behauptung, dass der Uranios de6 Herrn Simenides nicht den Cha- 
rakter der alten Gräcität an sich trage? Wir wollen versuchen, den- 
selben kurz zu schildern. Er ist, ungeachtet der Mühe, die ich 
auf seine Correctur verwandt habe: 

t) ganz analytisch, ein Charakter, den die neugriechische Sprache 
mit den neuern Sprachen gemein hat, der aber den altern Sprachen 
fremd ist. Was verstehen wir aber hier unter analytischem Style? 
Ist er in demselben Sinne aufzufassen wie man Herodot, Xeno- 
phon, Isokrates, Lucian und vielen andern klassischen Schriftstel- 
lern häufig einen analytischen Styl beilegt? Bei diesen Autoren ge- 
schieht es deshalb, weil ihr Styl einfacher Natur ist und nicht von 
einem gtossartigen Periodenbau , wie wir ihn bei Thucydides , De- 
mosthenes und Anderen finden, getragen wird, Während z.B. die 
letzteren das in einen einzigen periodisch gegliederten und sinnig ver- 
schlungenen Satz zusammenfassen , was die ersteren d^urch Scheidung, 
durch Auseinanderhaltung der einzelnen Ideen in mehreren einzelnen 
Sätzen aussprechen , werden von jeder der beiden Seiten Eigenthäm- 
Itchkeiten der Schriftsteller, aber nicht der für beide gemeinsamen 
Sprache selbst ausgeprägt. In diesem Sinne also reden wir hier 
nicht von analytischem Sprachcharakter. Dieser besteht vielmehr 
^ bei der neugriechischen und wohl den meisten gegenwärtigen euro- 
päischen Sprachen darin, dass man in denselben jeden einzelnen 
Umstand , jeile einzelne Nuance eines Gedankens genau bezeichnen 
muss, wenn man nicht unverständlich werden will. Daher hat die 
neugriechische Sprache manchen Ausdruck, der bei der altgriechi- 
schen überflüssig war. Die letztere brauchte bei Weitem nicht so 
viele Worte zu machen, ,und verstand doch die Gedanken viel feiner, 
vollkommener und präciser auszudrücken. 

Den hiermit angedeuteten Uuterschi'ed zwischen Alt- und Neu- 
griechisch ^ hat Herr Prof. W. Dindorf vermöge seiner Spracbsto- 
dien nicht gefunden: sonst würde er unmöglich ein Product des 
19. Jahrhunderts für eins des dritten gehalten haben, und nicht die 
Echtheit des Uranios seltsamerweise damit bewiesen haben, das&doch 



1. Sobald CS meine theologischen Arbeiten gestatten, hofie ich 
eine Diatribe zu versuchen über das Yerhakniss des Neugriechiscli^n 
zum Altgriecliischen. 



«Äf — — — 

alle Worte in demselben gprieehisch seien. Zu einer viel deutüchern 
Demonstration dieses neugriechischen analytischen Charakters in der 
Uranischen Königsgeschiehte des Simönides fehlt uns nichtis als die 
Oxforder Schrift Dindorfs mit den Uranios- Proben. 

2) hat er viele Ausdrücke, die nicht blos von der alten Gräcität 
abweichen, sondern die^sich so sehr dem Charakter der deutschen 
und französischen Sprache nähern, dass man sie Germanismen und 
Gallicismen nennen kann. Ein schlagendes Beispiel dieser Art ist 
der vielbesprochene Ausdruck : ^aj iiifjv idiav (ä mon id^e , nach ' 
meiner Ansicht) , worauf ich Prof. Dindorf ausdrücklich aufmerksam 
machte. Allein auch in dieser Phrase fand derselbe Alles griechisch. 
Allerdings ist holt l(ir\v yviOfAtjv gut griechisch, und das Wort 
ISia glänzt beim grossen Plato. Worin liegt nun dennoch das 
Ungriechische für das Ohr der Alten? Es liegt in der ganz unge- 
wöhnlichen und nur den neuern Sprachen angehörigen Bedeutung 
des Wortes iöia, wodurch nun auch die ganze Ausdrucksweise ' 
fremdartig wird. Bei den Aken nämlich bedeutet iäia die Gestalt, 
Form, Art, Gattung, dann (bei' Plato) Begriff, Idee; ecst bei den 
Neugriechen aber bedeutet es, sowie auch bei den Franzosen, Eng« 
ländern u. Anderen, die Meinung oder die Ansicht. 

3) findet sich in dem Uranios des Simonides häufig ein unrich- 
tiger Gebrauch der Wörter. 

4) enthält er viele solche Constrüctionen , die man zwar in der 
empirischen Spraehe für richtig hält, die aber nach der alten grie- 
chischen Sprache für Solöcismen angesehen werden. 

Kurz, man braucht blos die von Simonides zu Athen 1848 
erschienene Symais ^ und die Prolegomenen zu derselben und was 
er sonst noch geschrieben hat, zu lesen, so hat man den wahren 
Charakter, den ganzen Verfasser des Uranios. 

Ist es nun dem Herrn Prof. Dr. Dindorf unerklärlich, wie Simo- 
mides bei seiner geringen Gelehrsamkeit diese Geschichte der ägyp- 
tischen Dynastien zu Stande bringen, besonders wie er so viele 
ägyptische Namen erfinden konnte, so versuche ich demselben die 
Lösung des Räthsels auf folgende Weise zu erleichtern : 



'1. Vergleiche unten die biographische Skizze S. 47 fi*. wo ober 
dieses erste merkwürdige Produkl^ genauer berichtet wird. 



40 

1) sehrieb 8traenides vob London an mich, er, beschäftige sieh 
viel mit den Hierog^lyphen und habe viele Hierog^lyphen*Handschnf- 
t«n gelesen, man werde durch seine Erklärungen der Hieroglyphen 
Vieles, und besonders die ägyptische Geschichte besser kennen 
lernen. Dieser Brief ist datirt vom 29. August 1853 und ist schon 
oben S. 10 von uns nach seiner wichtigsten Stelle mitgetheilt 
worden. 

2) ging er so weit, ein System der Hieroglyphen gegen Cham- 
poliion und*Seyffarth aufzustellen. Dies ist ein in den geheimen 
Schätzen des Simonide^s wohl noch vorhandenes Ineditum. 

3) giebt er vor, eine alte hierogiyphische Grammatik von Gbäre- 
mon gefanden zu haben, was wir dem Herrn Prof. Dr. Dindorf zu 
glauben und zu bewundern anheimstellen. 

4) Schickte er vor einem Jahre an mich zum Gorrigiren eine 
gegen GbampoUion gerichtete Abhandlung über die Hieroglyphen, 
worin viele ägyptische Wörter und Namen vorkamen. Es geht dar- 
aus hervor, dass ihm wohl eine QueUe für ägyptische Namen zu 
Gebote stehen , muss , die ich nicht näher kenne. Ich darf Herrn 
Prof. Dr. Dindorf zu weiterer Auskunft darüber wohl an Herrn Si- 
monides selbst, seinen „noXvfxa^iaTuzog'' verweisen. 

5) bat er nicht blos alles das gelesen, was von den alten Grie- 
chen über diese Materie geschrieben worden, wie von Horjapollo, 
Jamblichus u. s. w. , sondern er hat auch die Forschungen der Aegyp- 
tologeu unserer Zeit, wie schon aus Obigem hervorgeht, studirt. 
In diesem Betrachte ist jedenfalls eine bedeutende Fundgrube für 
ihn das Werk des Patriarchen Konstantios : AlyvTiuaxu gewesen. 

6) hat er überhaupt viele griechische Autoren, soweit er sie 
versteht , namentlich diejenigen , welche über ägyptische Geschichte 
geschrieben haben, den Herodot, den Diodor, den Plutarch u. s. w. 
gelesen und aus ihnen Gollectaneen angelegt. Nehmen wir hierzu 
seine. Phantasie, seine Gewandtheit und Scbreibfcrtig£eit, so wird 
schwerlich das Rätbsel des Uranios noch eines Oedipus bedürfen. 
Uebrigens besteht die Königsgescbichte des Uranios xurä St^w- 
viÖ7]v gar nicht aus geschickten grossen Erzählungen,, sondern aus 
kleinen Geschichtchen und oft aus sehr abgeschmackten Erdich- 
tungen. 

An dieser Stelle hatte ich in der t. Aoüage meiner „Entbül- 



41 

langen" die Hoffnung; ausgesprochen, durch die Ankunft der von 
Prof. Dindorf schon seit mehrern Monateu aus Oxford erwarteten 
Uranlosf^gmeate in den Stand gesetzt zu werden^ ein noch tiefer 
eingebendes Urtheil über den modernen Urapios abzugeben. Diese 
Hoffnung ist nuhmebr vereitelt worden; denn statt eines Exemplars 
der Dindorfschen Schrift kam uns aus Oxford die Nachriebt zu, dass 
die Ausgabe der Exemplare schon nach wenigen Stunden durch die 
aus Leipzig eintreffende Kunde vom Missgeschicke des Simonidea 
rückgängig geworden sei, nachdem vielleicht nur zehn Exemplare 
bereits ins englische Publikum gelangt waren. Doch sind wir we* 
nigstens dadurch' einigermassen entschädigt worden, dass das eng* 
tische Athenäum Mr. 1477 unterm 16. Febr. sowohl den Titel der 
Dindorfschen Schrift ^als auch mehrere Details daraus veröffentlicht 
hat. Wir glauben den Lesern einen willkommenen Dienst zu lei^ 
sten , wenn wir die dort gegebeneu Andeutungen für unser Büchlein 
hier benutzen. 

Der Titel der Schilft heisst, dem Athenäum zufolge: Uranii 
Alexandrini DeRegibus Aegyptiorum Libri Tres. Ope- 
ris ex Godice Palimpsesto edendi Specimina proposuit 
GuIielmusDindorfius. Oxonii 1856. Nachdem ausfuhrlitb 
Nachricht über das Palimpsest des Uranios gegeben, und die über 
die alte Unzialschritt etwa im 12« Jahrhunderte geschriebenen vier 
Abhandlungen (das Buch des Josephus über die Makkabäer, eine 
Geschichte der Jungfrau Maria» eine andere über das von Edessa 
nach Gonstantinopel geschickte Bild des Herrn , und eine Erzählung 
von der Auffindung des Hauptes des Johannes des Täufers) ange- 
geben worden sind, und auch des Urtheils des Stepbanus Byzanti- 
nus von Uranios als einem d^tomavog dvrjQ gedacht worden ist, 
wird eine Entdeckung des Simonides zur Kunde der gelehrten Welt 
•gebracht, welche als Vorläufer der ägyptischen Kdnigsgescblcbten 
selbst erscheint. Simonides soll nämlich ein Werk niQi 0f4wnff4wv 
noifjjuiv xal avyyQaq>iiav aufgefunden haben, worin auch eine Le- 
bensbeschreibung des Uranios selbst enthalten gewesen sei. Dar- 
aus erfiihren wir, dass Uranios ein Alexandriner war, dass sein Vater 
Anaximenes, seine Mutter Gallicratis geheissen, und dass er ein 
Schüler des Ghrysippus von Alexandrien gewesen. Als seine Werke 
werden anfgezählt: Drei Bücher der Könige von Aegypten, drei 



42 

Böeher der Priester von Aegypten, zwei Bücher von den ägyptischen 
Oesetzespriestern , sechs Bücher von den Wobnplfttzen der Aegyp- 
ter^ zwei Bücher äthiopischer Archäologie, fünf Bücher einer Ge- 
schichte Arabiens , zwei Bücher von den äthiopischen Königen , drei 
Bücher Geschichte der Beherrscher Libyens, vier Bücher lycische 
Archäologie, zwei Bücher der Könige von Garien, vier Bücher: Pe- 
riodus Aegypti. Die obengenannten Bücher der Könige von Aegyp- 
ten sind dedicirt dem Deimacbus, einem berühmten Schriftsteller, 
dessen Vater Xenocles war, Verfasser von 10 Büchern Römischer 
Geschichte. Und Deimachus selbst wird als Verfasser eines Werkes 
über Aegypten bezeichnet. 

Nach diesem erstaunliehen Vorgerichte, das wir wohl Niemand 
andern als der gelehrten Kochkunst des Simonides zu verdanken 
haben , erstattet nun Prof. Dindorf vorläufig genauere Kunde von den 
wunderbaren Aufschlüssen , die der gefundene Uranios über das alte 
Land Aegypten, besonders über seine frühesten Beherrscher, zu so 
grosser Ueberraschuug der Aegyptologen darbietet. Der erste König 
bei Uranios heisst Mesrachamis, Sohn von Nuacbmis; er regierte 
128 Jahre, d. h. 43 Jahre in unserm Sinne. Denn Uranios selbst 
bemerkt, dass das ägyptische Jahr nur aus 4 Monaten bestand. Prof. 
Bindorf verherrlicht diesen Anfang der Könige des Uranios mit einer 
Probe seiner eigenen Gelehrsamkeit, indem er hinzusetzt: „Mestrai- 
mus, Ghami filius, Noachi nepos, appellatur apud Eusebium, Ghron. 
Gan. i, 20. p. 94. ed. Mediol. in excerptis ex Manethone (Mesraira 
apud LXX Genes. 10, 8.), generis Aegyptiaci anctot, a qjio prina 
Aegyptiorum dynastia manere.credenda est/' Es folgt nun der zweite 
König, des Ersten Sohn, Balchumis, der zu seines Vaters Anden- 
ken einen Temp^ erbaute und 40 Jahre regierte. Ihm folgte Mem- 
phathanchis, welcher 30 Jahre regierte ; ferner Achmantlios 30 Jahre, 
Phaathes 38 Jahre, Ghnemachothis 23 Jahre, Aegypthdris 78 Jahre, 
Von dem Letzteren gewann das Land Aegypten selbst nebst seiaeffl 
Strome seinen Namen. Auf ihn folgte Amthacholbts, welcher 30 Jahre 
regierte und den Tempel des Ammon zu Memphis erbaute. £r 
wurde von seinem Weibe vergiftet. 

So viel gibt Prof. Dindorf aus dem ersten Buche zum Besten. 
Aus dem zweiten erftihren wir Folgendes, was den Anfang desselben 
bildet. Menes stammte aus Libyen und befreite Aegypten von der 



48 

Herrschaft d^r Araber. Er errichtete seinen Vorgängern in der Re- 
gierong Tempei , und ordnete zo ihrem Gedächtnisse Priester und 
Opfer an. Hier wird die Erklärung für die sogenannten Götterdyna- 
stien vor MeYies gegeben. Diese Götter waren nämlich zunächst 
Könige, dieselben, von denen Uranios im 1. Buche Nachricht gege- 
ben ; sie wurden aber hernach von Menes vergöttert. Menes regierte 
189 Jahre und wurde durch ein Hippopotamus getödtet. Ihm folgte 
sein Sohn Atothis, welcher 172 Jahre regierte und von seinem Bru- 
der und Nachfolger Atothis IL getödtet wurde. Atothis U. regierte 
66 Jahre; er ist Verfasser eines Werkes über Medicin. Es folgen 
nun Kenchencs 93 Jahre, Uannephethis 126 Jahre, Usaphaenephis 
60 Jahre, Niebaches, Sememphis 54 Jahre, Ubicnnethis 108 Jahre. 
Phemphosochochir 54 Jahre, getödtet von Buchonophis, welcher 
30 Jahre regierte. Unter des Letzteren Sohn Boethos fand eine 
grosse Empörung statt Da geschah es, dass sich die Erde bei Bo- 
bastos öffnete und die Rebellen verschlang. Dies bringt uns zum 
Anfange der von Syncellus genannten zweiten Dynastie. Der schon 
genannte Boethos regierte 116 Jahre, und nach ihm Ghoos 30 Jahre, 
welcher von seinem Bruder Käochos getödtet wurde. Hier gibt nun 
Uranios interessante Aufschlüsse über die aus Afrikanus bekannte 
Thatsache, dass unter Käochos die Anbetung des Ochsen Apis zu 
Memphis eingeführt worden. Käochos nämlich, so schreibt Uranios, 
führte ein Heer gegen die Stadt der Thalamuzaei in Arabien. Er 
theilte dieses fileer in 36 Regimenter und setzte jedem einen General 
vor, und gab jedem General ein Feldzeichen, bestehend in einer 
Fahne, worauf ein Thier gemalt. Die Fahne wurde an einem Wurf- 
spiesse befestigt, und der Wurfspiess vom General getragen. Als 
nun die Stadt genommen wurde, wurden 3 Generale getödtet: Apis 
von Heliopolis, Mnephi von Memphis, und Mendes. Ihre Thierzeichen 
waren gewesen der Stier, der junge Stier, und der Ziegenbock. 
Als der König siegreich heimkehrte, wurden diese 3 Thiere gött- 
lich verehrt und empfingen von uuu an die Namen der genannten 
Generale: Apis, Mnephis und Mendes, welche im tapfern Kampfe 
für ihre Fahnen gefallen waren. Uranios fügt noch hinzu ^ dass die 
Aegypter diese Feldzeichen als siegverleihend betrachtet, und dass 
sie später ihre Götterideen auf die Natur der Thiere selbst übertragen 
hätten. 



44 

So viel ist uns also dorcb den Auszug des Atbeitäam ^ aus der 
Broschüre Dindorfs von dem merkwürdigen Uraoiostexie zugekoqi- 
men. Wir befürchten nicht, dass die Leser bedauern werden, die 
interessante Geschiehtserzählung so plötzlich abgebrochen zu sehen. 
Wir müssen ddfür dankbar sein, dass Herr Prof. Dindorf das ihm 
von Simonides geschenkte Zutrauen so fruchireicb benutzt hat 



1. Das Athenäum beschliesst übrigeos diese Auszüge mit einem 
grossen Irrthume, indem es bemerkt, Prof. Diadorf habe vielleicht mehr 
griechische Manuscripte gesehen, als irgend ein lebender Gelehrter. 
Die meisten Arbeiten Dindorfs begnügen steh im Gegentheil, die Re- 
sultate der von andern Gelehrten vollzogenen Handschriften-Studien zu 
benutzen; die wenigsten sind durch die von Dindorf selbst unternom- 
mene Ausbeutung von alten wichtigen Manuscripten ins Leben gerufen 
oder bedeutend geworden. Da nun aber vollends der Uranios ein Pa- 
iimpsest ist und in alter griechischer Unzialscbrift, wie sie etwa im 
5. Jahrhundert geschrieben worden, abgefasst ist, so ist zu sagen, dass 
Prof. Dindorf sehr wahrscheinlich keinen einzigen echten griechischen 
Palimpsesten gelesen hat und ebenso wenig mit den griechischen Un- 
zialhandschriften näher bekannt geworden ist. Dasselbe gilt wahrschein* 
lieh ebensogut vom Verfasser des Artikels im Athenäum. 



m. 



Biographische Skisse, 



Es dürfte nicht uointeressant sein, wenn wir eine biographi- 
sche Sliizze von unserem abenteuerlichen Landsroanne zu geben ver- 
suchen. Unsere Hauptquelle hiert>ei ist Simonides selber ; diese hat 
den Vorzug der Unmittelbarlteit, aber auch den Naehtheil , dass wir 
da im Dunkel bleiben, wo Simonides den Schleier des Geheimnisses 
liebte. 

Konstantin Simonides wurde angeblich auf Hydra geboren ; seine 
Motter war aber aus Symi (in der Nähe von Rhodus , dem Festlande 
Carlen gegenüber) , und diese Insel ist wohl auch als wahres Vater^ 
hind des SImonIdes zu betfaefaten. Sein Vater stammte , wie er an* 
gab, aus Stagira; wahrscheinlich wollte er aber durch diese Be* 
Ziehung zu der Geburtsstadt des Aristoteles seine eigene Geistesver* 
wandtschaft mit dem grossen Philosophen stützen. Seine erste gei- 
stige Bildung erhielt Simonides in der Erziehungsanstalt, welche der 
verewigte Kapodistrias auf der Insel Aigina gestiftet, und an welcher 
unter Andern auch die berühmten Lehrer Dukas und Gonstantas wirk- 
ten. Da diese Anstalt bereits kurz nach dem Tode des Kapodistrias. 
1831 einging, und Simonides, als er sie verliess, wenigstens 1 2 Jahre 
alt sein mnsste , so lässt sich hieraus schliessen , dass derselbe ge- 
genwärtig um mehrere Jahre älter ist als 33 Jahre, welches Alter er 
sich selber zuschreibt und auch sein Aeusseres bestätigen könnte. 
Im Jahre 1837 kam Simonides in die Druckerei des in Athen sehr 
bekannten Buchhändlers Koromelas, und von da weg auf den Athos, 
wo sein Onkel mütterlicher Seits, Namens Benedictos, Vorsteher des 



46 

Russischen ^ Klosters war. Dieser Benedictos hinterliess in Athen bei 
würdigen Männern den Ruf eines acfatungswiirdigen und sehr ge- 
lehrten Mannes. Es hiesse sein Andenken beschimpfen, wollte man 
im Geringsten behaupten, dass er den betrügerischen Neigungen 
seines Neffen förderlich gewesen. Wohl aber ist es sehr wahrschein- 
lich, dass des seligen Benedictos Vorliebe für alte griechische Hand- 
schriften und sein tiefes Studiunrdf rselben dem Simonides manches 
Mittel zu seinen eigenen unredlichen Studien an die Hand gegeben. 
Denn nicht nur befinden sich in diesem Kloster des Athos so gut wie 
in allen andern vi«l« alle Handsehrifttn, ^ondera S^ionides mag von 
seinem Onkel auch manchen Auftrag zu Abschriften erhalten haben, 
wodurch sich das natürliche Talent desselben für die Nachahmung 
und Nachbildung der Charaktere alter Handschriften mehr und mehr 
entwiekelte. 

Vom Athos, wo er 2 Jahre bis zum Tode seines Onkels geblie* 
ben, ging Simonid^s nach GonsUntinopel. Hier war man, wie er 
wenigstens selbst angab, sehr für ihn eiogenommeo ; Belbst der da- 
malige Patriarch interessif te Sich für ihn und that ihn zu seiaer wei* 
tern Ausbildung in eine Schule zu Phanari. Einige Zeit daraufkam 
er nach Odessa , ^o ihn der damalige Staatsrath Alexander Slurdza 
als Abschreiber annahm, und ihm aitch die Malerei erlernen liess* 
80 gab Siinonides wenigstens selbst an ; wir zweifelp jedoch seht 
daran. Er kam nach Athen im Juli tS46 und hier gab er bald dar- 
auf vor , er habe von seinem Onkel auf dem Athos eine Menge grie- 
ehiseher Mamiseripte geerbt. Obgleich die UebertreibungeA and 
Orosssprecbereien in seinen Angaben jeden Unbefangenen miss- 
trauisch machten, so gewann er anfangs doch manche Gläubige für 
sicti; es schien ausser Zweifel zu stehen, dass seinen Erzählungen 
wenigstens etwas Wahres zu Grunde liege. Mehrere Zeitungen, 
wie Aeon und Elpis, sprachen sich voll patriotischer Gefühle und voll 
der Hoffnung, dass durch die Simonidischen Funde die Wissenschaft 
würde gefördert werden , für ihn aus ; selbst die Begierung erklärte 
sich bereit, ihn zur Hebung seiner angeblichen kostbmn Schätze 
mit Geldmitteln zu versehen. Von diesem Anerbieten machte er 



-p- 



1. Den Beinamen des Bussischen Klosters trägt dasselbe, nicht weil 
es Russische Mönche bewohnen, sondern wegen der zahlreichen ünter- 
stliizan^en RussUnds. . . 



47 

jedoch wohlweislich keinen Gebrauch. Bald aber brachte er zwei 
angeblich alte und wichtige Handschriften zum Vorsehein » deren eine 
die Symaia^ die andere den Panselenus enthielt; Die Schilderunf 
beider Werke wollen wir hier in der Kürze versuchen , da sie für den 
Charakter des Simonides selbst bezeichnend sind , und dem Letzte- 
ren zum Theil augenscheinlich nicht als Entdecker, sondern alsUr«- 
heber oder Erfinder angehören. 

Die Symais enthält eine Darstellung und Geschichte der Hohen 
Schule von Symi, welche nach dem Verfasser von Griechischea 
Kaisern in frühester Zeit gesUftet und unterstützt wurde. Simoni- 
des zeigte selbst noch zwei goldene darauf bezügliche Obolen vor, 
deren einer von Theodosius dem Zweiten herrühren sollte, der andere 
von Michael, dem Sohne des Theophilos. Von dieser Schule werden 
nun in der Symais die überraschendsten und ungereimtesten Dinge 
^erzählt. Sie soll eine der bedeutendsten Akademien , die je existirt 
haben, gewesen sein, und durch die hervorragendsten Geister an 
ihrer Spitze geglänzt haben ; alle Wissenschaften wurden daselbst 
in einer unerreichten Vollkommenheit ausgebildet; Schüler dräogtea 
sich von allen Orten Griechenlands hinzu, und Erfindungen gelangen 
daselbst, die zum Theil kaum in das Reich der IMtöglichkeit geboren^ 
zum Theil nur der Neuzeit angehören. ^ . 

1. Nar wenige Belege für das Gesagte gestatten wir ans hier. So 
wird^ erzählt, ein dortiger Lehrer, Namens Sebastas, habe das Papier 
erfunden, weswegen es auch aeßaarcyos r^Q'^Ti^ genannt worden sei. 
Derselbe habe aber auch nicht nur das Tcieskop erfanden, durch wel- 
ches Instrument er das in der Tiefe des Meeres Verborgene entdecken 
konnte, sondern auch ein durch Dampf und Quecksilber getriebenes 
Schnellscbifi', und Feuermaschinen , durch deren Anwendung er die Flotte 
der Sarazenen verbrannt habe. Ein anderer Meister dieser Schule, Na- 
mens Penstratos, aus Bhodus, erfand nach der Symais die Chalkogra- 
uhie sowie die Typographie. Gleichfalls glücklicher Entdecker war sein 
Nachfolger, Anastasios aus Milet; ihm verdanken wir nämlich die Er- 
findung der Taucherglocken , durch welche sich derselbe in eigner Per- 
son ins Meer hinabliess. Schüler und Nachfolger des Letzteren war der 
Mechaniker Eudupos aus Symi. Er verfertigte ein künstliches Schifi',' 
das 30 Menschen fasste und, auf dem Wasser mit Blitzesschnelle se- 
gelnd, durch Flammen und Dämpfe, die es aus kranzförmigen Bohren 
schleuderte, eine ganze feindliche Flotte vernichtete. Auch Feuerrohre 
wurden zu Symi erfunden, gefertifi^t aus Kupfer, Eisen und andern Me- 
tallen; sie hiessen nv^oavXa^ und schleuderten kugelförmiffe steinerne 
und metallene Blitze mit einem dem himmlischen Donner ähnlichen Ge- 
töse, und zerbrachen die feindlichen Fahrzeuge. Doch weitere Proben 
vom Geschmacke und Geiste der Symais wird man uns gern erlassen« 
Simonides selbst erkannte in der letzten Zeit an, dass das Werk durch 



48' 

Als VerflBSser dieses Werkes fignrirt ein Mönch Meletios aas 
Gbtos, der im 13. Jsfhrb. gelebt, und aucb noch ein anderes in den 
HSnden des Simonides befindliches Werls; BvCavHg, verfbsst haben 
soll. Wer aber der wahre Verfasser des Macbwerlss sei , darüber 
wird der Leser wohl bereits im Klaren sein. Als es Simonides im 
Jahre 1848 zu Athen herausgab, widmete er es dem berühmten Phi- 
lologen und Staatsmanne Mustoxydis, dessen gewichtige Stimme er 
wahrscheinlich durch sein werthvolles Geschenk für sich gewinnen 
wollte. Der scharfeinnige Kritiker behandelte das Buch jedoch nach 
dem wahren Verdienst , und schrieb an Simonides einen Brief, den 
wir dem Herrn Prof. Dindorf als Muster wahrer Kritik empfehlen. ' 

Das zweite der von 'Simonides vorgezeigten Manuscripte war 
das des Panselenus, eines Buches, das wirklich in der Mitte des 
15. Jahrb. von einem Mönche Namens Dionysius unter dem Titel: 

geschrieben worden ist. In diesem Buche wird gelehrt, wie die 
Gestalten der Heiligen nach der kirchlichen Ueberlieferung würdig 
darzustellen sind , sowie die von den ältesten Malern- selbst gelasse- 
nen Vorbildern charakterisirt werden. Da sich hierin vorzüglich aus- 
zeichnete der berühmteste Maler der griechischen Kirche, Manuel 
Panselenus , dessen Malereien auch jetzt noch in einigen Athosklö- 
Stern vorhanden sind, so ist nach ihm das Buch selbst Panselenus 
benannt worden. Auf dem Athos giebt es viele Handschriften dieses 
Buches, und eben daher hat auch ein französischer Reisender, Na- 
mens Didron, im Jahre 1835 ein Exemplar erhalten, das er spater 

Unwalirlielten entstellt sei, doch seien diese allein auf Rechnung des 
Verfassers zu setzen. Er habe es lieraasgegeben um seinen Landsleu- 
ten ein Vergnügen zu machen. Ja, er wagte 'sogar zu sagen, wolle 
man nur Bücher herausgeben die nichts als Wahrheit enthalten, so 
dürfe man auch Homer und Herodot nicht mehr herausgeben , in denen 
bekannter Massen so vieles Unwahre enthalten sei ! 

Bei dieser Gelegenheit darf man, gegenüber den lächerlichen Prä- 
tensionen des Simonides , doch nicht vergessen, dass wirklich schon vor 
mehr als tausend Jahren eine Benutzung der D^mpfkraft in ähnlicher 
Weise, wie sie die Neuzeit so grossartig ausgebildet hat, unter griechi- 
schen Händen stattgefunden hat und bei alten griechischen Schriftstellern 
erzählt wird. Wir verweisen darüber auf Agath. Hisior, V, 7, ed. Nie- 
huhr. pag. 292. (Corp. Bist. Bysant P. /IL) Siehe auch The kistorg 
of the decUne and fall of the Roman Empire. By Edw. Gibbon, Oxford 
1527. 9ol. V. S,85, wo noch mehrerer anderer griechischer Entdeckungen 
Erwähnung geschieht. 

1. Siehe Nea üapSaf^a. Nr. 11. 18&1. 



49 

ins Französische übersetzte und herausgpab unter dem Titel: „Ma- 
nuel dlcono^raphie Chr^tienne Grecque et Latine (Paris 1845). Ob 
Simonides seinen Panselenus selbst abgeschrieben oder nur vorge- 
funden habe, ist uns nicht genau bekannt, doch ist dasErstere am 
lyahrscbeinlichsten. Zu Anfange dieses Buches fand sich nun eine 
Stelle , wo behauptet wird , dass die Daguerreotypie eine Erfindung 
des Panselenus sei, von ihm ""NktoTvnla benannt. Da sieb die- 
selbe Stelle bei Didron gar nicht vorfindet, so gab Simonides vor, 
Didron halbe sie , weil sie ihm nicht klar gewesen , Herrn Daguerre 
zur näheren Erklärung mitgetheilt, der Letztere sei aber dadurch 
auf seine eigene bekannte Erfindung geführt worden. Um nun die 
Ehre dieser Erfindung der „Heliotypie** der französischen Nation 
nicht zu schmälern , habe Didron die betreffende Stelle des Pansele- 
nus in seiner Uebersetzung ganz weggelassen. * Allerdings können 
wir nicht nachweisen, dass die Stelle wirklich in den andern Exem- 
plaren ausser dem wahrscheinlich von der Hand des Simonides ge- 
schriebenen fehlt; allein der allmählich hinlänglich bekannt gewor- 
dene Charakter desselben lässt uns kaum einen Zweifel darüber übrig. 
Wollte demnach Simonides mit der Zueignung dieser Erfindung dem 
griechischen Vaterlande'schmeicheln,-so können wir uns freuen, dass 
Griechenland zur Sicherung seines Ruhms solcher Erdichtungen nicht 
bedarf, indem sein Ruhm , unter allen Nationen als fruchtbare Mutter 
der Wissenschaften und Künste dazustehen , fest begründet und auf 
den Blättern der Geschichte längst verzeichnet steht.® 



1. Bei dieser Gelegenheit ist noch eines schlechten Gharakterzogs 
des Simonides zu erwähnen. Da nämlich im Jahre 1847 zuerst Herr 
R. Raogab^ zu Athen, einer der angesehensten Professoren, neulichst 
zum Minister des Aeussern ernannt, das betrügerische Treiben des Si- 
monides durchschaut und gebrandmarkt hatte, so hegte Simonides gegen 
Niemand einen ärgeren Groll als gegen Rangab6. Durch diesen Groll 
Hess er sich dazu verleiten, die Unterschrift Rangab^'s auf ein Doku- 
ment zu bringen, worin ihm derselbe 5000 Drachmen für die Vernich- 
tung seines Panselenus antrug. Dieser Streich hatte nämlich die Be* 
Stimmung, den Herrn Rangab^ als leidenschaftlichen Parteigänger der 
Franzosen zu verdächtigen, indem derselbe um so hohen Preis die Ehre 
der Erfindung der Daguerreotypie gegen die Goncurrenz des Panselenus 
retten wollte. Erst neulich erfuhr ich , dass Sim. für diese Unterschrifts- 
fälschung in Athen zu einer bedeutenden Gefängnisstrafe verurtheilt wor- 
den sei. Wir bedauern, die in der IZaj/(f. 1851. Nr. 23—25. gegen die 
Simonidischen Handschriften aus Rangab^'s ausgezeichneter Feder erschie- 
neneu Artikel nicht' zur Hand zu haben, um davon Gebranch zu machea. 
2. Die Herausgabe seiues Panselenus, der mit Ausnahme einiger 



— ötf — 

Da nun diese beiden Handscbrifteu des Simonides vor dem Rieh- 
terstuhie der unbefangenen Kritik so wenig, wenn auch (He eine 
noch viel weniger als die andere bestanden batten, so konnte aucb 
für die anderen Handschriften, deren Besitz er zunächst nur vorgab, ^ 

Interpolationen „ad modam Simonidis^* offenbar echt i^t, hatten zwei 
nicht sehr bemittelte aber recht brave Buchdrucker zu Athen auf ihre 
Kosten unternommen. Simonides arbeitete sehr langsam daran, und 
Teriiess 1850 Athen, ohne die Pablikation beendigt zu haben, wodnreh 
er seine Verleger in grosse Verjcgeaheit versetzte. Im Jah*e 1853 er- 
hielt ich ganz unerwartet von Simonides aus Smyrna einen Brief , worin 
er sich wegen der Vorfälle, die ihn in Gonstantinopel betroffen batten, 
zu entschuldigen suchte und mir Mittheilungen über seine neuen Ent- 
deckungen auf dem Athos machte. Zugleich übersehickte er mir ein 
Blatt der Smyrnaer Zeitung, worin einige von ihm aus den Athosklö- 
stern mitgebrachte b^oc des Marcus Eugenicus mitgetheilt waren. Von 
dieser Mittheilung nahm ich Veranlassung, ihn an seine gegen die bei- 
den Atheniensischen Verleger übernommenen Verbindlichkeiten zu er- 
iauern und ermahnte ihn, seinem Bufe nicht durch neue Unredlichkeiten 
zu schaden. Diesen Warnungen gab er sogleich Gehör, er schickte 
ohne Verzog den Rest des Manuscripts far den Panselenus, und bald 
darauf erschien das Buch. 

1. Die Menge der Handschriften, von denen Simonides als in sei- 
nem Besitz befindlich spraeh, und dit bedeutende Menge der von ihm 
wirklich vorgelegten hat einige Gelehrte zu der Meinung veranlasst — 
auch der Atheniensische Artikel in der Augsb. Allg. Ztg. Nr. 59. 28. Febr. 
scheint sie zu begünstigen — dass sich auf dem Athos eine ganze Ge- 
sellscliaft von Manuscriptenfälschern befinde und dass SiixMinideä nur 
die Verbreitung der von ihr gelieferten Mss. übernommen habe. Allein 
dieser Ansicht müssen wir unbedingt widersprechen, ans mehreren 
Gründen. Zuerst hat sich keine Spur einer solchen Gesellschaft gefun- 
den und kein Mitglied derselben ist irgendwie hervorgetreten, trotz der 
langen Zeit, in welcher Simonides sein Unwesen getrieben. Sodann 
aber ist wichtig, dass sich nachweisen lässt, Simonides habe, ohne alle 
weitere Verbindung mit dem Athos, in England und Deutschland mehrere 
Fälschungen ausgeführt. Dahin gehören der Uranios und das Hermas- 
palimpsest, sowie auch noch bei seiner Verhaftung die zu solchen Fäl- 
schungen gehörigen Apparate bei ihm gefunden worden sind. Nach 
diesen Aufklärungen erscheint es in der That als eine Versündigung 
gegen einen se ehrwürdigen Ort wie der Berg Athos, wenn man anneh- 
men wollte, dort habe man sich zu einem so unredlichen und aus so 
singolärer Leidenschaft hervorgegangenen Geschäfte vereinigt. Eine solehe 
Verdächtigung der Klöster des Athos wäre ein schlechter Dank dafür, dass 
die gelehrte Welt zahlreiche griechische Mannscripte in den grötsten Bi- 
bliotheken Europas, wie die zu Moskau, zu Petersburg, zn Paris, sn 
Rom, zu Oxford und zu London, aus eben diesen Klöstern im Laufe der 
letzten Jahrhunderte gewonnen hat. 

Hat es befremdet, woher Simonides die Mittel zu seinen kosispie* 
ligen Reisen genommen, so wird darüber vielleicht die bei ihm vorge- 
fnndene Correspondenc Aufschluss geben. Wir machen nur nochmals auf 
das in Gonstantinopel gefundene hohe Patronat aufmerksam. Uebrigens 
hat er ans dem Verkaufe seiner Manuscripte besonders in England be- 
deutende Summen gelöst. Ich selbst sah einen Nachweis über die Summe 
von 500 Pfd. Steri., die ihm vom Barotiat Phillipps besaMt werden ist. 



51 

kein giH>8t%e6 Vorurtlieil g^efasst werden. Indess zeigte SinKHiir 
des gegen das £H<}e des Jahres 1848 in der Thal eine Menge Hand- 
sckiriften von Klassikern vor. Sie waren meistens auf Pergament- 
rollen mit einer absonderlichen Art kleiner Majnskel^uehstjdi^en 
gesehriehen, und enthielten unter Andern einen Homer, einen An»« 
kreon, die goldenen Sprikhe des Pytbagoras, die Gediehte der 
Sappho , und , was das merkwürdigste Bestandtheil seiner Sammlung 
war, etnen Hesiod>, welcher ßovctQoq>rjd6v gesehrieben war ynd 
unter den Buchstaben musikalische Zeichen enthielt. Diese Samm- 
lung so vieler^ dem Anscheine nach gar nicht unwichtiger Manu- 
scripte^ erregte Aufmerksamkeit, und auf besonderes Ersuchen des 
Simonides liess sich das konigl. griecfa. Ministerium des Gultus 
herbei, die nähere Prüfung all^ dieser Handschriften anzuordnen 
und zu diesem Behufe zwei Gommissionen zu ernennen , von denea 
die eine aus gelehrten Männern wie Oikonomos , Typaldos , Glara- 
kes» Mamukas bestand, und die andere die Professoren Farmakides, 
Asopios, Benthylos, Philippos ^ Manus^s, Kumanudes in ihrer Mitte 
zählte. Mehrere dieser Männer erklärten sich jedoch für tncompetent 
zu einem Uitheile in dieser Suche , da sie nicht genug paläographi- 
sehe Kenntnisse zu besitzen glaubten. Einige andere ^ waren einen 
Augenblick lang geneigt an die Echtheit zu glauben, indem sie die 
Hands<diriften in die letzte Zeit der Byzantiner zurückversetzten 
bald genug aber mussten sie ihr Urtbeil zurücknehmen. Einige von 



1. Ein Palimpsest und auch eine eigentliche alte Uuzialhandschrift 
befand sich unter allen seinen vorgelegten Manuscripten nicht. 

2. Vor einigen Wochen fiel mir in die Hand die Num. 2372. der 
in Athen erscheinenden 'A&Tiyä, worin behauptet würde, blos einer von 
den als Commission znsaramengetretenen Gelehrten habe sich für die 
Echtheit der Simonidischen Handschriften erklärt. Dies ist ein Gedächt- 
nissfehler. Denn auch einige andere sprachen *ich für die Echtheit aus, 
und sogar ein Professor der Universität, der darüber so entzückt war, 
dass er sein ürtheil schriftlich dem Ministerium übergab, obschon er es 
sehr bald zuruckeehmen musste. Zu einem solchen Zeugnisse für Si- 
monides war aber der andere in jenem Aufsatze als der einzige günstige 
Bcurtheiler angedeutete Gelehrte nie zu bewegen gewesen, üebrigens 
muBS man mit der genannten Zeitung anerkennen, dass die griechischen 
Gelehrten sich sehr vernünftig in der Frage über die Simonidischen Hand- 
schriften benommen haben, zumal wenn man bedenkt, dass sie im All- 
gemeinen gar nicht so bedeutend in der Paläographie sind a)a occiden- 
talische Gelehrte, und auch nur einige Stunden die vorgelegten Manu- 
scripte untersuchen konnten. Simonides gab diese Handschriften nämhch 
DU in seiaer Gegenwart der firemden üaUrsoehuag preis. 

. 4* 



52 

den Gommtssionsglicdern bewiesen nämlich, dass die Simonidischen 
Manuscriptc genau mit den im Auslande erschienenen neuen Aus- 
gaben von denselben Klassikern übereinstimmten. Dies Resultat der 
Prüfung ^urde hierauf schriftlich dem Ministerium des Gultus mitge* 
theilt. Auch erfolgten hierauf einige Angriffe von schon genannten 
Gelehrten gegen Simonides in den Zeitungen. Dennoch vermochten 
dieselben das Interesse , das man bereits von vielen Seiten für ihn ge- 
fasst hatte, nicht ganz zu unterdrücken. Man traute ihm nämlich bei 
seiner Jugend und mangelhaften Bildung durchaus nicht die Fertig^- 
keit zu , die zu solchen Fälschungen und Erfindungen gehörte. Auch 
wusste seine Ueberredungsgabe um so leichter-'Freunde und Yertbei- 
djger, namentlich unter den vielen Gelehrten die keine paläograpbi- 
sehen Studien gemacht haben, zu gewinnen, da sichs doch nicht 
läugnen liess, dass unter den Handschriften des Simonides neben den 
falschen auch entschieden echte sein konnten. 

Unter denjenigen , die ein Interesse für Simonides hatten, befand 
auch ich mich. Da er in Athen in der Nähe meines älterlichen Hauses 
wohnte und uns öfters besuchte , bemerkte ich bald , dass es ihm 
wohl an höherer Bildung, aber nicht an dem Sinne für dieselbe 
mangelte. Durch eine überaus lebhafte Phantasie und Gefühl für 
das Schöne , sowie durch ein treues Gedächtniss ersetzte er Man- 
ches, was ihm abging. Er las eifrig die griechischen Schrift- 
steller, soweit sie ihm zugänglich waren, und suchte auf alle mög- 
liche Weise seine archäologischen und historischen Kenntnisse zu 
erweitern. Auch verstand eres, seiner Schreibwelse durch Remi- 
niscenzen und durch Nachahmung der Alten einen gewissen Reiz 
und grosse LebeMigkeit zu geben. Da er sifch häufig in Productio- 
nen versuchte, fühlte er recht wohl seine Schwäche in der Stylistik, 
denn Fehler und Solöclsmcn entschlüpften seiner Feder viele. Des- 
halb Hess er sich auch von den Gelehrten unter seinen Bekannten 
die von ihm für Zeitungen bestimmten Aufsätze corrigiren. In 
dieser Veriegenheit, die ihm seine mangelhafte Bildung zuzog, ver- 
bunden mit der Scham , am Unterrichte einer öffentlichen Lehran- 
stalt Theil zu nehmen, stellte er an mich im Jahre 1850 das dringende 
Gesuch , ihm Unterricht in der griechischen Syntax zu geben , indem 
er jedoch wünschte, dass dies Verhältniss, das mich, den Jüngern, 
zu seinem Lehrer maehte, nicht öffentlich bekannt werden möchte. 



SS 

Aas reiaem Interesse für ihn liess ich mich bestimmen , seiner Bitte 
zu willfahren. Ich halte dabei Gelegenheit , seine leichte und schnelle 
Auffassungsgabe mehr und mehr kennen zu lernen ; denn die Reden 
des Demosthenes , welche wir zusammen lasen , verstand er ziemlich 
gut und machte auch Fortschrftte in der Syntax. Mein Interesse für 
ihn wuchs in der Hoffnung , dass durch vermehrte Bildung sein 
Leichtsinn sieb mindern würde, und dass er bei seinen Gaben 
zu einem braven und nützlichen Manne heranreifen werde. Ich be- 
trachtete es als eine wahre Christenpflicht, meinerseits so viel als 
möglich zu seiner Besserung beizutragen. Indess nach zwei Mo- 
naten gab er diesen Unterricht auf; wahrscheinlich fand er darin 
einen unwillkommenen Zügel für seinen unbändigen , in masslosen 
Phantasien sich fort und fort am liebsten ergehenden Geist; auch 
die öfters von mir ihm gewordene Züchtigung seiner Eitelkeit und 
seine Unüberlegtheit war nicht nach seinem Geschmacke. 

Doch wir kehren zu den Publikationen des Simonides zurück. 
Im Jahre 1850 gab er seine EtqiaXXrivieLxu heraus, eine ausfuhrliche 
Beschreibung der Insel Kephalonia. £r bezeichnete dieselbe als 
Bruchstück eines grossen geographisch - historischen ganz Griechen- 
land betreffenden Werkes , welches ein geborener Kephalouier , Na- 
mens EvXv^og^ sonst in der Literatur noeh nicht bekannt, im4. Jahr-^ 
hundert n^ch Christus verfasst^haba. Die Absicht des Simonides 
bei dieser Publikation ging wahrscheinlich dahin, einigen von der 
englischen Regierung verfolgten Kephaloniern, die sich damals ge- 
rade in Athen aufhielten und mit ihm bekannt geworden waren, eine 
freundschaftliche Aufinerksamkeit zu beweisen. Was den Inhalt 
des Buches betrifft, so enthielt es in der Hauptsache nichts als was 
Strabo , Stephanus von Byzanz und andere Geographen und Ge- 
schichtsschreiber, besonders auch Eustathius in seinem Etymolo- 
gicum schon gegeben haben: nur dass zu dem Allen noch die 
phantajstischen Uebertreibungen des Herausgebers oder vielmehr 
Compilators selbst hinzutraten , auf dessen Rechnung es z. B. kam, 
dass auch die unbedeutendsten Berge nach ihren Entfernungen aufs 
Genaueste bestimmt waren. Die Freude über diesen Kephalonischen 
Fund wurde aber bald dadurch getrübt, dass in 2 Artikeln der Niu 
"^EXXdg vom gelehrten Prof.Kumanudes unter genauerPrüfung des Styls 
und des Inhalts, die ünechtheit des EvXvfog nachgewiesen wurde. 



54 

Zu Anfang desselben Jahres 1850, hatte Sitnonides »tich eine 
angeblich alte- Handschrift des Aristeas vorgebracht. Hierzu fand 
er sich dadurch veranlasst, dass 1849 der berühmte Otkonamosim 
4. Bande seines gelehrten Werkes über die Septuaginta den Brief 
des Aristeas mit Textverbesserungen Vind kritischen Noten beraosgab. 
Sogleich gab er vor, eine sehr gute Handschrift davon auf dena Atfaos 
BU besitzen , und nach einigen Monaten legte 'er sie in Pergament- 
rollen , viel grösser als die des Homer und Hesiod , ausser anderea 
Gelehrten auch Oikonomos selbst vor. Der letztere erkannte aber 
das Machwerk sofort aus der Benutzung, die 8imohides von dem 
eigenen Werke des Oikonomos gemacht hatte; ja sogar den Titel, 
jiQtGTJjtg (Tvyy^a(p7i , dessen Bildung nur der sprachgewandten Feder 
des Oikonomos angehört, hatte Simonides in seine alte Handschrift 
iäbertragen. Die Folge davon war, dass sich das Misstraaen, das 
ersieh schon früher bei Oikonomos zugezogen, nunmehr zur Ver- 
achtung steigerte. Der ehrwürdige Greis, in dem ich länget einen 
Vater verehre, hatte es nicht unterlassen, auch mich vor de» „ge- 
flübrlielien Menschen" zu warnen : dass ich seine Mahnungen nicht 
strenger nahm , teuss idi mir freilich zum Vorwarf machen. ^ 

Durch seine Erfbfbrungen m Athen wenig befriedigt , begab sieb 
Baiiionides £nde November 1850 na«h Gonstantinopel. Hier eog er 
zunächst die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf sich durch eine vor- 
gegebene Erklärung der Hieroglyphen defiT dortigen Obelisken; ja, 
er war so glücklich, die Nei^ng eines der AlteFthumswissensehaft 
sehr ergcbenenDiplomaten , des Sardinischen Gesandten Baron Tecco, 
in so hohem Grade für sieh zu gewinnen, dass ihm derseH»e in sei- 
nem eigenen Gesandtschaflspalast eine Weiinüng eiiHanmte. Doch 
den Verisittf seiner Abenteuer in Gonsitantinopel haben wir nicht die 



1. Diese Handschrift des Aristeas brachte Simonides auch mit nach 
Leipzig und bot sie dem Herrn Prof. Dindorf an. Dieser hielt sie für 
echt und schlug vor, sie zugleich mit dem Hermas heraaszugeben. Als 
ich meine Bedenken dagegen äusserte, schon Anfangs October, und^ wie 
es meine Pflicht war, das Verwerfungsurtheil des Oikonomos darüber 
berichtete, meinte Herr Prof. Dindorf, der immer Alles in diesen Ange- 
legenheiten auszugleichen sachte, die von Oikonomos gemachten Beob- 
achtungen seien ohne Bedeutung; denn auch er habe bei einem von ihm 
herausgegebenen griechischen Schriftsteller die Erfahrung gemacht, dns 
in einem erst später zu Rom hervorgetretenen Maauacripte seine eigenen 
früheren Correcturen sich wiedergefunden. So könne es auch dem Oiko- 
namos begegnet sein. 



M 

Absicht ausfährlich zu erzählen, ^umal d« sie bereits anderwärts 
wiederhek erzählt worden sind, wie in dem öfters abg«drucku«, 
neuerdings auch (den 23. Febr.) im engllsehen Athenäum übersetzt 
crschieneneti Aufsatze des Hanseatischen Geschäftsträgers Dr. M«nk^ 
mafin zu Goitstantinopel (zuerst erschienen in der Augsb. Atlg. Zeit. 
1858 den 29. Nov.). Wir erwähnen davon irar, dass Simonides in 
Gonstantino)»el nach allen Seiten hin Entdeckungen vorspiegelte , dea 
Armeniern und den Griechen so gut wie den Türken. Einen sehr 
lästigen Controieur seiner hieroglyphischen Schwindelei fand er sehr 
bald an dem schon genannten Dr. Mordtmann. Glvcklicher war er 
dagegen ausser dem Sardiniscben Gesandten noch bei einem ander« 
ond zwar einem sehr hochgestellten Diplomaten, welcher, das ist 
kaum zweifelhaft, ihn für seine eigenen Zwecke benutzte. Durch 
des letztere« einflussreiche Verwendung wurde sogar ein grossherr* 
Hcher Ferman gewonnen, um Ausgrabungen auf dem berühmten 
Hippodrom vorzunehmen. Hierbei gab Simonides gegeti die Türiten 
vor, es handele sich um die Ausgrabung des Koran, gegen die 
Grieohen , es sei auf dl« Ganones apostolici abgesehen. Und Etwas 
wurde aiieh in der That gefunden, nur leider «twas ganz Anderes. 
Nachdem nämlich die bei der «Aternomi»e«en Ausgrabung anwesen* 
den hohen Herren , Ibrahim Pascha , Herr Gayol ui^d Aridere , zum 
Frühstack weggegangen waren, war Simonides selbst in das ge- 
machte Loc^ hinabgestiegen und hatte eine Flasche mit wunderbar 
rem Pergamentinhait darin deponirt. Mach der Rückkehr der hohen 
Herren wurde nun bald eben diese Flasche als grosser Fund hervor* 
gezogen. Nur gaben freilich die Arbeitsleute unwillkommene Auf* 
Schlüsse über das kurz vorher gemachte Deposiitom , sowie auch die 
der Flasche anklebende Erde gar nicbt zu der frischaufgegrabenen 
Erde des Hippodrom passte. Fragen wir nun , welche Strafe für 
diese zu Tage gekonMnene Beträgerei dem Simonides wurde? Er 
reiste ungestraft ab , was wohl nur in Folge des besonderen ihm ge** 
wordenen Schutzes möglich war. 

VonGonstantinopel, wo er ungefähr 10 Monate gewesen, kehrte 
er nach dem Athos zurück , und hier hat er sich wohl vorzugsweise 
in den Besitz seiner Maniiscriptensammlung gesetzt, indem «er theils 
abgeschrieben, theils die Originale sich aneignete. Das Letztere 
geschah wohl kaum auf rechtliche Weise. Oefters hat er nur seinen 




— T- 56 

Abschriften einige Origiualblättei- zur Beglajubigung beizufügen ge- 
wusst, wie dies mit dem Hermas geschehen.. Als er über die Er- 
werbung dieser 3 Blätter Auskunft gebtii sollte, hat er sich voll 
Verlegenheit mit Erzählungen befasst, die der Erdichtung gewiss 
näher als der Wahrheit standen. "Vom Athos hat er auch viele alte 
besonders kirchliche und ziemlich werthlose Pergamente mitgenom- 
men, die ihm zur Fertigung seiner Palimpseste dienten, indem er 
zwischen die alte Schrift, des 12. Jahrhunderts etwa, eine dem 
Scheine nach viel ältere , mit gelbbräunlicher Dinte hineinmalte. 

Was nun Simonides nach seinem Weggange vom Athos unter- 
nommen, darüber weiss ich nichts Gewisses zu sagen; nur empfing 
ich im Anfange des Jahres 1852 jenen oben (Seite 50) erwähnten 
Brief von ihm aus Smyrna. Wohl aber hat er über diese Zeitperiode 
seines Lebens eine Reisebescbreibung verfasst , die er mir zum Gor- 
rigiren aus England übersandte. Diese Reisebeschreibung enthält 
ohne allen Zweifel viel mehr Dichtung als Wahrheit und versetzt den 
Leser oft mehr in die romantische Fabelwelt als in die nüchterne 
Wirklichkeit. Die Reise, welcher, die Beschreibung gewidmet ist, 
ist voll der glücklichsten Ereignisse; Alles musste ihm für seine ar- 
chäologischen Zwecke dienen , eine Entdeckung knüpfte sich an die 
andere, und die eine übertrifft immer die andere an Wunderbarkeit. 
Mit solchen Erfolgen hat Simonides alle Inseln in der Nähe des Athos 
und Kieinasiens bereist, sowie auch viele, oft wüste Striche des asia- 
tischen Festlands und auch Aegypten. Das Glück heftete sich an 
seine Ferse ; wie der grosse Alexander keinen Ort ohne Eroberung 
verliess, so verliess Simonides keinen ohne wichtige Entdeckung. 
So findet er in Lemnos die Pelasgischen Inschriften ', iti Milet die 
geographischen Tafeln des Anaximandros, und neue Inschriften sonst 
überall. In Aegypten , wo sich sein Ruhm blitzesschneli verbreitet, 
gewinnt er das Vertrauen eines achtzigjährigen gelehrten Mönchs — 
zu Cair4) oder Alexandrien — Namens Nikolaus Melissenos.^ Von 

1. Auch mit der Erklärung derselben befasste sich Simonides; ja 
er gab vor, <jine für die Erklärung der Pelasgischen Schrift wichtige 
Grammatik von Laostephus, einem Symäer (J), gefunden zu haben, 

2. Der Name ist wohl so gut fingirt als die ganze Person und die 
ganze Geschichte. Das hohe Alter, das Siraonides seinem Melissenos 
gab, macht es sehr begreiflich, dass derselbe so gut wie viele andere 
Geber des Simonides längst verstorben ist. üebrigens sollte Melissenos 
das Palimpspst vom Kloster S. Suba mitgebracht haben. Von demselben. 



57 

diesem wird ihm ein altes Manuscript gezeigt, dasSirnonides sogleich 
als ein Palimpsest erkennt. £s ist das Palimpsest des U r a n i o s. 
Der greise Besitzer entäüssert sich seines 20 Jahre besessenen 
Schatzes zu Gunsten dieses würdigen Freundes. £inen andern 
Schatz fand derselbe in einer alten Kirche an einem Steine , welcher 
auf der einen Seite kirchliche Inschriften , auf der andern aber den 
Namen des Ptolemäus mit den Plaesien enthielt, und zwar die letzte- 
ren viel vollständiger, als sie sich im britischen Museum auf dem 
Steine von Rosette befinden. Ausser diesen und vielen anderen 
handschriftlichen oder monumentalen Entdeckungen , wovon er einen 
Katalog giebt, erwähnt er mit Auszeichnung ein merkwürdiges in- 
editum: nigi bftiovvfiwv noii]TCüv xai avyyQacp^cjv , wovon bereits 
oben S. 4 1 eine Nacl^richt gegeben worden ist. 

Aber auch ein romantisches Abenteuer besteht unser Reiseheld. 
Er geräth nämlich in die Gefangenschaft des famosen Räubers Ka- 
darzijahni, und zwar 40 Tage lang. Von diesem Räuber, der sich 
merkwürdiger Weise durch archäologische Kenntnisse auszeichnet, 
wird er in eine Höhle geführt, wo sich gesammelte Alterthümer fin- 
den. Einige kostbare Vasen werden ihm selbst zum Geschenk gemacht. 
Von dem Räuberhauptmanne unter Thränen entlassen, empfängt er 
noch das Geleit zweierPalikaren, die ihn sicher nachSmyrna bringen. 
Von hier schickte er, soweit es nicht schon früher geschehen war^ 
die glücklichen Resultate seiner Reisen zu seinem Vater nach Syml 
oder brachte sie nach Alexandrien zu seinem Bruder. ^ 

Hierauf nun wandte Simonides seine Schritte dem Abendlandc 
zu, wo er hoffte, den Ldhn für seine Mühen zu ernten. Er ging 
über Malta nach tlngland. ^ Von seinem dortigen Aufenthalt er- 
hielt ich jedoch erst Nachricht, als er schon 8 Monate in England zu- 
gebracht. Ein von ihm nach Athen'^gesandter Brief kam mir von 

wenn ich nicht irre, wollte er auch ein anderes seiner Manuscripte, das 
den Katalog der Alexandrinischen Bibliothek enthielt, empfangen haben. 

1. Ich habe nicht nöthig zu bemerken, dass es eine sehr schwere 
und widerliche Aufgabe für ipich war, diese Reisebeschreibang zu lesen. 
Sie sollte ohne Verzug in London zum Abdrucke kommen. 

2. Es ist sicherlieh ein Irrthum, dass man in dem Atheniensischen 
Artikel der Allg. Zeitg. angibt, Simonides sei jetzt zunächst nach Per 
tersburg gegangen. Eine solche Reise hätte er gewiss nicht unerwähnt 
gegen mich gelassen, er, der alle seine Besuche in überschwängllche 
Farben kleidete. Ausdrücklich aber hat er gegen mich bedauert, dass 
er Petersburg, Wien, Uoin u dergl. Städte noch nicht gesehen hatte. 



S8 

dort nach Leipzig zu Händen. Als ich ihm darauf geantwortet butte, 
schickte er mir eine ausföhritohe Dariegvng seiner Erlebnisse in 
England, von der ich, da sie seine gelehrten Arbeiten (Abenteuer?) 
«nd seine Manuseripte betrifft, einen ungern Auszug wortgetreu 
mitthetien will. ^ 

*Ey Aov6Lp(i^. 1853 Avyovaxov 29. 

, . . . Tu xoT« üi (ia&(jjv , ivxuQioTtiaa %ov d^tov* ^Jäov 
Hai zu Hui^ ifii iv üvvqxjjh, ^Hk&ov lig IdyyXiuv uno tcjv 
KuvuQiiav vr^acov t^v 12 jJtxefißQiov zov nagiX&oviog eiovg 
iXXifibrlo^rifXiv, iv z^ Xifiivi ^iße^novX, noXiv if^noQtxijy zijg 
^AyyXiug, iv fj xai äiiTQi%f/u ax^ov (4^rag ovo, Ttjv 6i i'xjt^r 
Tov OtßQQVUQiov tov Tgi^avTag izovg ijX&ov tlg rjv xal diu- 
fjUva} noXiv jiQWTtvovauv tov Koofiov , ro ^ovdlvov, onov xui 
tiav^aöu /niXQov. Mnä äi rifiiQug xiväg eläov noXXovg zaiv iv 
uiovdivia nenatätvfiivüiv ^!AyyXo}v , uxs^Xov&wg iytvofirjv zaxzixog 
ipoiTijzr^g zov ßQ^zzavixov Movoiiov, uvuytvciaxiav xul uvityQu- 
ipu)v xul lÄed-aQ/Lifjvivwv zu ixet ivQiaxofiiva dg nXrjd'og aiyvn- 
ziaxu fivijfiHu xazä nQozQortTjv noXXaiv zcDv hrav&u ntnaiätv^ 
(livdjv, (jüv xui zov d-uvfiuöfxov ai'^uvo) xu&^ exdazrjv diu zijg 
dXfjd-Qvg uvayvciaicüg uvzmv. xul zuvia fiiv fi^XQ^ ^^^ Mai'ov, 
Ttjv di 25 zov aizov fit]vdg nuQovaiaad'eig iig ztfv ß, q^iXoXo- 
yixriv hatQeiuv^ onov nuQr^aav intQ zwv ^iviuxoolüiv lÄtXuiv, 
züiv fiuXa niTiuiStvf4.ivoiv, inaQOVOi'aaa ivcantov zoaov ntnai- 
dav^ivov övXXoyov zu iv Idd-r^vuig xr^Qvxd-ivza d>g vnoßoXifiaVu 
vno Züiv ufiud^üiv x^iQ6fQU(pu, äzivu idovzig, ovätlg eine xuzu 
zrjg yvrjoiozfjzog uvzüjv zi. /Ivo Si fiovov z(uv fieXwv i'^ifQu- 
aav äfiipißoXiug zivug, dXXu xul ovzoi inelaO^fiouv uxoXQv&(f)g, 
xuizoi TiQo oXiyüiv uviyvmauv zug uQog uvzovg zov ^Fuyxaßri 
iniozoXug, ^Odtv nQog n^Qiaaoziguv avzdiv i'^iXty'^iv idiOQiad'r] 
x«t' airtjaiv fiov ZQif.uXijg inczQonri, oniog i^ezdarj uvtu, Mfza 
^i zuvzu uQ^izui zo ^^izr^fdju zo n^l zw UgoyXvqiwv , z6 ftuX- 
Xbv XiVfja^tv z'^v jtiiQiiQyHuv zcuv fuXwv, uztva xul (ur. ^izu) 
noXXug i^jjy^mig im zov ifjzri^u:fQg zovzov unt^aciaav ziXog 
nuvzwvy onwg iyta fiiiv duQiitivtvao) (fzriXag dvo UQtyyXvtftTf&v 



1. Schon oben Seite 10 haben wir dieses Briefes gedacht und eine 
Stelle daraus angeführt. 



M 

ygafiiiÄdrtov ix rov • au^otpuyov lov fuyiXov ^^Xtliavi^ov , rav 

iv TW ß^iTTiMfUip McvGtUf, xtti XQvq koyovg ind-iöCJ tij^ ff«- 

fjitivtta^ iyy^atftog, ^Entj^onfj ii H^ruaux^ ili ävi^cav ntQt tÜ 

TOtavT« xutuyivoft^v/av , i^twatj imi tuvt^l, ontQ xal äfMdawg 

ifi^x^y- Nrrorc ii jLiixQ^ ^^C 20 ^lovviov tifiiqav ivuT^r, iv f\ 

¥pifXX9v xai naXtv zä ^^ktj r^g i'^BTaaTixijg imT^onijg avrtX^ 

^'«rp Sfii» totg ko4jtotg ini vo aitOy «^oi^pjifo/ui^y iv rw ß^t^U'- 

viXfp Movailta twv &v^v xixXaoftivwv^ xai ¥f)iti'OV im nolkikg 

ä^nng xaxayiv6f.avog. T^v Si 2t) %ov 'lovviov nu^ovuimad'iig xal 

niXiy, xatä r^v avpupwvi^v, iig vir opiikov Ttjg iiutQiiug xul vwv 

imt^entliVf xai imiciaag tw ngoii^ü> xo avff^cuvi/^^V fKra 67}fir^- 

yo^la» Ixuvfiv ntQt t^g vnod-io^wg^ iintv o Ti^oed^og rfj i'^^txatrTiKJj 

intT^njj iv ofo/uari twv /tefAoAV, Xufiftt rag i^^^vsig tbv 2ifA(avt' 

dov xal il^fTuaaxi avräg ^K^tßwg, xai y^utpare rwg Xoyavg iptäv 

xat* HttuaiVy wg xu) 6 Stjunfviifjg inai^ae^ xul mii^uTe rf/^iug nh^l 

rijg Xiav en^vSaiag Tcwtrjg vnod^aiwg. ol^i inaa/jd'ivTeg eSlu- 

ßov uvTug ötxttSiy C^tjt^aavtfg ^o^tf imptt^v die, yMt «tdt^ ^x 

Xwd"tlpitv 'ünavxig. 'Ev Si rtp juira^ ovv^Xdvfitv noXXiuxig, tual 

n^kXä iniditlia avxjoTg rwv x^f^y^^^^ ^ov, & eXußw 1$ 

^Ü^wvog in^ io/dtwp, xal änuweg na^dixd^atnv uvxu ^g yvr^ 

0Mc> x^ TOÄ^ i'% *A&fjv(»v yfdqtovtag üOffmgH! ix^f/v^av ^ftu^ 

Sttg, xakoi i^ovr^g vn^ ot^tv vcav awi^oig y^ufofKAXtay xura 

Sifi(aviS<im. nXtf^cad-iiffWv ü xmv tjftiQwv xf\g dio^üng Xf}g 1^- 

TiteXiXfjg imxfiBTi'^g, i^A^ov <JVYXQOPii>g xal m Sioxontu^ &öt^ 

mg ix x&üxov äveßXi^fj ^^X9^ ^ov ^Oxuaß^v, lBy^a%puv fi' 

SXov TOvro Xivä x^v fuXcjv x^g iuiXQonijg Ti^g tw ä^x^y^^fi'» 

fioxia xä «§^. ''^^0 Sifuavid^g '^dtxi^dyj fM^tycLktag^ xal .alxioi 

Ol ifjioyij^tg avxov, "0^a}g X^^*^ *h ^^^ vTWfAovfjv ^com imfUh* 

vriv xov viaviov dnoStixvvtai a^o^ rji^. ^0 viog ovro^ Btvoi 

cn^vdatog Xiav^ xal a^iog x^g d^ydnijg xov xoivov, xal o inay^ 

yiXXixai, x6 ytvwaxn axQtß&g^ i&errc ovdtf^tia ufbiftßoXkt fnivH 

TiiiXv^ Qxi Sf^Xadtj aviyvta noXXa m^l UQoyXvfpixwv X^Q^yO^V^f 

xai ftuXiüxa mgl x6 avfißoXiXov fii^og xijg Al^yvnxom, ^ ü 

tQfi^viia iwxQv iaxiP äXi^d^g xal äxQißiaxäxtj. /li* avrot; /ccc- 

SüfMtt n&kXA xal lölwg xijv -aiyvnxioxijv iaxoQiav im tfjg fe<- 

xa(p(fdQUüg xuiv ^ UQoyXvqfixujv, " *AXXä xmJxa , ä (piXxaxi^ 

XQ'^^intoiv initrl]f,tav xoivonoifiükwg tx ^4^ovg xijg hatg^iag^ yi-^ 



66 

VQfi^v9]g kuzu tov ^ Oxtw/S^ioy /LtiTa tfjv owii^taaiv. ^Stj^o- 
aiivauv di xui riveg tiov f(ff]fiegid(av tfjg Idyy'kiaq^ neXXä nt^l 
Sifiiovidov xut Tiov axonwv avtov elg ^ Ayy'kiav , xal ta ntgi 
imiQtinwv , xrA. '0 di ^ÄairiQ xr^q ^Avuzolijg, fq>ijfitQig xui 
uiifj zov ^ovStvov, ixoivonoifjGB xaxakoyov /jiQoyQatpwVj i'v- 
Sixa TOV uQi&ptov ^ & inwlf]aa ia/UTtag dg to ßQkx%avixo¥ 
MQvattov\ xai xaiatpi^tzai xazu zijg iXki]vix^g KvßtQPfjatwg, 
diOTi unißaXi zovg d'fjaavQOvg uvzijg i'^^fiad'tiag. ^läovy (piki, 
Ttt xaz^ ifÄB, u(p^ Tjg fikd^ov dg ^AyyXiav (i^i^Qi lijg ufjjdf^ov. 
^Enl di tov nuQOviog iyd fiiv i'^axoXov^w avxvd^tov dg to 
ßQtiTuvixdv MovauoVj xai ra iv fxvT(p fnvfjf4tia Ttjg aQXfi^io^ 
Tf^Tog 'EkXddvg xai AtyvnTOv anovöatfa. ÜQog Si xaTayivofAUi 
xai dg drjfioöhvaiv twv ändvTOJV tov naTQog Ttjg ixxktjaiag 
'^fÄfäv ayiov FQt^yoQiov tov Hakafiä avyyQufifÄazcJv , a tvQUiv 
SitonaQfjiiva iv ^'A&wvt^ xai f^eTä noXkov tov xonov ovya^ugj 
Ötiawaa xai ixo). ^i6 ot naQaxaXat d^e^ftwg, cVa /uo< xotpo- 
noiriarig noXa tov naTQog daiv ixöedo/neva. Ugog di inid'Vf.iWy 
*iva (,101 nifiipfig xai o i Oixov6f4og i^idcaxi övyy^OfAfjidTiOv tov 
llakafiä , iVa tu oaa dne mQi tov naTQog iv Totg nQoXtyofii^ 
vag avTOv kdßta in* oi/Jiv. 'Eni di TovTotg, xul o, ti nt^l 
KiovoTavTivov tov * AxQonoXhov , FtuiQyiov tov ' AxQonoXiTOv, 
NixoXdov Mid^CDvrjg^ xoi 'A^avuoiov ix JliXQidcjv lav^ov^ yi^^ 
vdaxug, xoivonoifjaov fxoi, No/nt^w St« o Oaßgixtog xai 6 
'AkXdTiog>, dva<piQOvai ntgl TOVTcav. UeQi di tov . TeXiVTaiov, 
Toi; 'Ad'avaaiov, xaA.al^ oidag tov avyyQatpia. Tag ntqü TOVTiav 
(AaQTVQiag dvTtyQdtpag , fiiTdtpQaaov , xai ntf^xjjov fnoi^ avv to» 
nQa)TOTvna>, atjf^awv (loi xai zovg avyyQagatg Tovg fivfjfiovtvov^ 
zag uvTOvg, (jvv zatg aeXioi» Tavza ndvTa dva^ilvm dwniQ^ 
^hwg and tov cpCkov jikt^avdQov, 

1. Ganz neuerdings hat sich der Vorstand des Britischen Museums 
veranlasst gefunden, bekannt zu machen (siehe D. AUg. Zeit. Nr. 61 
13. März), dass er 7 Handschriften von Simonides gekauft habe, nämlich 
4 mit biblischem, besonders Neutestamentiichem Texte, alle aus dem 

13. Jahrhundert, ferner einen Bibelcommentar von Theophyiakt aus dem 

14. Jahrb., die Chronographie des Nicephorus nebst Homilien von Job. 
Damasc. aus dem 11. Jahrb., und ein geographisches Ms. mit Gompila« 
tionen aus Strabo , Arrian und Anderen aus dem 15. Jahrh. AUe andern 
ihm vorgelegten Mss., darunter Hesiod, Homer undAristeas, sowie drei 
Pergamentrollen mit kaiserlichen Rescripten und Pergamente mit Hiero^ 
glypben und Keilschriften nebst griechischer Interpretation, hat Sir Fre- 
derik Madden nach seiner Erklärung sofort als unecht zurückgewiesen. 



61 

w ^Effiüov, iJvat in twv Stjinoütev/tthtov , wg 17 iqiT^fteQtg rijg 

'lovtnarctvovnoXfcag ly^rispiv, fj o^i; Intd'VfKo juad^eTv xal rovrOy, 

Jwg xni rte^ rupr orra idrjfiomtvd'fjfTav üvyYQaf4f.i<iTWv xov na» 

T^ig^ atifjiumv ^lot xal rag agyag ixäarov üvyyQaf.if^iaioq Stj-' 

f,ioauvfjifvov. xar* cevreec ^l^^»/«!"«! Tfvv nuoTfjgiiov Ktovciav'* 

Tivov Tov ^ AxQonoXixQv vn6(Avr,f.ia tig rov f.iiyav Koxvotarrtvoy, 

äyvwarov f.iixQ^ rovde, xai afiu ii^ikd^t] n^/uxpo) 001 uvjlxvnoy.^ 

Ol xoLTW&tv'koyoi idrj^ioatfvd^fjaav ij ox^; 

^ Ad'avaalov ^A'kkiavÖQtiag flg tfiv dnoyQag)riv xijg ©fo- 

TOHov, **^£ia7ZiQ~ol Tfjv xpvoittv yiv /LUTaKtvetv Xu^ov^xtg (yQ, 

Xa^opreg)" FiQfiavov ^Aqx^bu. Kwvaravxivovno'ktwg , etg t^w 

xoififjOiv. *^Iläaat fAiv ayd-Quincov yXwaoat,*^ xov avxov ffg xöv 

evayyihofiov, " Tijg naQovatjg Xifxiag xat ßuüiXixijg awa^^mg 

'Avaaxaaiov fLiova/ov dg xtjv Mexa/ttogfprtmtv, ^'^Ex xrjg 
X^Qag ^epovg.^*^ 

KvgiXKov ^AXf'^avÖQdag dg xov eiuyyiXtaxfjv ^Icüdvvtjv xal 
xfiv OtOTOxopi ^^ Tijg (luv xwv aykov (txX(/a^ xal do'^rjg/^ 

Tov avxov dg xov &eoX6yov xai dg xovg äyiovg naxifjag 
TTjg iv ^E(pia(o xQhrjg JSvpoSov, " (Daiögbg tjiliTv Xoyog xai 
XaQtxog ef4,nXe(ag/^ 

^ Aoxtgiov ' AfAaadag ^x<pgaatg dg xrjv äyiav Ev(pi]fiiav, 
^^JlQt^Tjv fiiv, w ävdpeg, AfjfA^oad-ivtjv dxov iv /f()(ji." xal äXXoi 
TtoXXot negl wv vaxegov. 

Tig 6 Nixtjxag QrjXWQ , 6 qi^Xoaoqfog UaqiXaywv ; xovxov 
l/(0 nXfjd'og Xoywv dvexdoxoiv. 



1 . Diese naq^ meinem Urtbeil ganz echte — obschon , wie die 
Probe beweist, mit vielen Fehlern edirte — Schrift beginnt in der Aas- 
gabe des Simonides (siehe oben Seite 10. Note 1.): Ap« xig evtTBßeias 
^rjkoy ccvx&y, xai Xoytor e^foy itr^vy, sxe^oy av rifjLfjffai nqodv^i^^BVfj^ 
roTg Xbyoig^ xai in äXXt^ xft texy]^ YQT^fraaS-ai eXoito' ne^itdoi dB ntos 
TOV iy ßaciXevatv ovttog aoidifioy* Ktoyatayrtyoy^ Wflfily roynaw^ ov 
xXiog aXfi^^g ovqavov Ixayu , x«i xlriacg x^^^^ niriQoX; ohfLBvovy ov 
yag evXoyoy r^ roc dri xai avrog evaeßecay et xai reg äXXog nXovtioy^ 
xai f^oyjj ravrrj ^a^^cay Xoyovg^re xai naideiay gjiXcoy xai xov naytoff 
nQori&sfjteyog roy rijs evceßeiag Tovxoyi nqofiiaxoy^ ^e^fÄoy re T^y 
aX7j&€iag ngoararriy ^^^ xriQvxa Xqiaxov diangvcioy^ iyxtofiioig, Sg 
Hxog, rif^r^aai ßovXi/i<TOfxai , xai tioTj ye lax^g n^o&vfiri<rofÄau 



— wt 

So viel auch in diesem Briefe übetlrieben sein machte, so 
musste doch etwas Wahres an seinen Miülieihingpen sein. Dfe Be- 
haniichkeit, mit der er seine Manoscnpte zu vefWeiten sachte, 
flösste mir eine Art Achtung ein, vnd schien von seiner eigenen 
Seite die Ueberxengung Yon der Echtheit derselben su verbürgen. 
Beshidb überwand ich den Ahschco, den mir sein Benehmen in God- 
stantinope^ eingeflösst hatte, und scbfid» ihm als Antwort, nach so 
viel Irrfahrten sei es am gerathensten, einmal festen Fuss su fassen 
und sich nach Deutschland , dem Lande wahrer und gründlicher Ge- 
lehrsamlielt zu wenden. Hier solle ef eine gediegene Bildung an- 
streben und dann später dem Vaterland« nützen, wo es gelte, sei- 
nen Feinden mit dem Bewusstsein eines braven Mannes gegenubar 
treten zu können. Uebrigens wisse man in Deutsehland sicherlieb 
auch seine handschriftlichen Schätze am besten zu würdigen. Er 
antwortete mir darauf Folgendes : 

'Ey Aoydiyt^ 15 2km, 1853. 

^EXd-üfv x^f^ ^h ^ovdVvov dno ^O^i^v xat Kavtaßt^yfi^, 
onov SUxQißov TiQo fj/mpüivy tag ixfT mQugx^l^^^^og ^ Axaii]f,tiag 
»ai ßtßXwdTjxuQ )raT<i nQvaxXtjeiv , ev^ov int jod y^ec^iov /äov 
rr^v ddiX(pixfjv aov, xal rd fiuXiaxu lif/jf^gtarri^v. JIqo nuv- 
xtav 8i ötä xäg Iv avrfj äd(Xq)txäg avinfiovXdg aev, ag xal 
xara yQafxfia fifxQ^ xtQstlag dxoXov«^iy<rcc> , dior< kla\ «v^^/^äv- 
irai. irkfi¥ eoTü} xal o ^AXi^avS^og &^Qf,i6jß^g iig r«^^ ä?fai- 
TTjaeig rov Si/atoviSov, Tod tioa na^owog x^9*^ '^V^ aXfid-efag, 
iiOTi ovx dmv anaixrattg 2iiLt(ovidov , dXXa rfjg (irjfVQog ^/icSfv 
'ExxXrjalagy ngog ^v tä nävxa XQ^c^^^'^ovfitv , xal rijv ^(atjv fiag 
ait-ffv, otSag avTog av xaviu nuvxa xiXXi^n^fAOv , wen ni- 
^xxiv 'SifiiavlSrig %ov 'AXf^avSgov Stodinal, ^Avuixivm 3i Saug 
t^'^rrjad aot nXtjQotpoQtag , nQog W xotl noaa tov r^wfyhv 2/o- 
XaqiQv ovyyQdfÄfiaTa l^tdod^rjauv. *0 Ohovof^og ov Xiyu aa- 
(pwg, Td negl ToCr ay^ov nvhi(A.avi)g rovrov xal Mavov^X jov 
fütydXov qri%ogog ntgl jfig avr^$ Inod-^aemg, xal ^rjinfjTQiov 
XfvaoXtoQa xarcc Aartpiov X6yog avvonrixbg nigl rijg avrijg 
inoB'^üfcog , xal 2xoXagiov didXoyog dgxoftevog. ^^^AXXd xaigog 
ioTtv, w 'EvXoyUf imaxiipaad-ai ^ et ßovXu*^ idijfioauvd'fjaav ; 



— as — 

T0VV4AVTWV Stj/tiomtvaif) xai javxa avv r<p rotJ Mt^wvtjg, xu&o 
kiav imx^iQfjfiaTixä ovva. Ol idoü eoq)ol d^eXovat tavta ditj" 
fioaUvu»^ dXX^ iyw vofAlCfii)^ ou iv irp z6f.Ho ^AyaTirj^ ij Xugäg 
if4.7it^XpvTai TU xov , S^oXa^iov , iuv öev fit änara ri ftv^fif}. 

Ans diesem wie ans dem vorherigen Briefe wird man zur Ge- 
nüge erkennen , warum und in welchem Sinne ich dem Simonides 
von Neuem meine Theiinahme schenkte. Seine wissenschaftlichen 
Fragen verdienten , dass ich sie beantwortete; seine Berufung auf 
die gemeinsame heilige Mutter, die Kirche, der er mit der Heraus- 
gabe wahrhaft kostbarer kirchenvateriicher Werke dienen wollte, 
konnte am wenigsten ihren Eindruck auf mich verfehlen. Ich glaubte 
aufrichtig daran , dass Siroonides die besten Hoflfhungen für die Zu- 
kunft erfüllen werde, und wollte meinerseits nichts versäumen, 
was ihn auf rechtschaffene Wege leiten und darauf erhalten könnte. 
Freilich musste ich mein Interesse für seinen wissenschaftlichen 
l^ifer oft genug damit büssen, dass er mich durch Zusendungen 
nicht nur gleichgiltiger , sondern auch , wie die seltsame Keisebe- 
schreibnng, ärgerlicher Art langweilte ; doch glaubte ich dergleichen 
aus Rücksicht auf das Bessere ertragen zu müssen ^. Ueber seinen 
Uranios und meine Stellung zu dieser Arbeit, habe ich schon oben 
S. 1 ff. ausführlicher Nachricht gegeben ; er hatte mich mit so viel 
Klugheit über seine wahren Absichten zu täuschen gewusst, dass 
mir der Gedanke, Simonides könne es auf ein falsches Uranios -Pa- 
iimpsest abgesehen haben, nicht eher in den Sinn gekommen, als 
bis er in Leipzig mit einem solchen Manuscripte wirklich hervortrat. 
% Was die von Simonides In England ausgeführten Manuscripten- 
verkäufe anlangt, so ist der zwei wichtigsten schon Erwähnung 
geschehen. Ber eine betraf das Britische Muscuin (siehe vorher 
Seite 60 Note l),^er andere den berühmten Handschriftensammler 



i. Zum Beweise, dass es mir schwer fiel, meinen Widerwillen gegeft 
die mir zugematheten Gorrektaren zu überwinden, führe ich einige 
Stellen aus einem seiner Londoner Briefe, vom 13/25. Januar 1854 an. 
£r beginat mit den Worten: ^AnoQüi diä xriv toarjy aov aiion^y» Nach- 
her heisst es: na^axaXco yct inctayvyQg r^y anocxqXriy rcoy Byypaqjmy 
xai fJLaXiata tajy AiyvnrUay ßaaiMtay, Ferner heisst es : iniraxvyoy 
Xomhv avrwy iav elaai fpiXos oTtotoy «re ^ea)(»<u, xtd fi^v df4eXf}s, (Jtiav 
wQciy ay igoad^veg xriy fffiSQay in* avxioy eis xo dtaaxrifia xöjy dvot) 
fjirjydiy Znov Mj^etg avxci eis X^^9^^ ^^^f ^"^^^^re y^ J''«* xeXeKOfieya. 
gern xavxa ws (jpiAoj;. 



— m — 

Baronet Thomas PhiHipps (siehe oben Seite 50 Note 1). Ueber an- 
,derweitige Erfolge dieser Art haben wir von ihm selbst keine Nach- 
richt erhalten. Uebrigens begab er sich von London nach Paris 
und verweilte daselbst vier Monate. Von% dieser Reise schien er 
weniger befriedigt zu' sein, obschon er auch von einzelnen glänzen- 
den Erfahrungen zu erzählen wusste. Nachdem er im April 1855 
von Paris nach London zurückgekehrt war, kam er endlich meinem 
früheren Rathe nach und reiste im Juli nach Deutschland ab. In 
Leipzig kam er den 17. Juli 1855 an. Ich nahm ihn auf einige 
Tage freundlich bei mir auf, und bemühte mich, eine Wohnung für 
ihn zu finden. Da er jedoch einsah , wie sehr ihm die Mitbenutzung 
der ungemeinen Sprach- und Sachgelehrsamkeit des bei mir woh- 
nenden, seit einigen Monaten verstorbenen Dr. Uhlemann zu Statten 
kominen würde , so wünschte ^r in demselben Hause mit mir wohnen 
zu bleiben, was ich auch gern zugab. Ich machte ihn bald mit 
mehrern Professoren und andern Gelehrten bekannt und vermittelte, 
wie schon oben S. 3 ff. erzählt worden ist, den Verkauf und die 
Herausgabe des Hermastextes. Allein schon bald sah ich ein, dass 
ich mich in der guten von Simonides gefassten Meinung, die be- 
sonders durch seine Briefe erregt worden war, geirrt hatte; denn 
sein persönlicher Umgang Hess nicht nur seine übermüthige Eitel- 
keit und Frechheit, sondern auch seine Neigung zu Lug und Trug' 
genug hervortreten. Einen starken Beleg dafür habe ich schon S. 6 
%• gegeben, mit der Erzählung dessen, was sich auf das falsche 
Hermaspalimpsest bezog. Alle guten Yorurtbeile traten bei mir 
nun um so mehr zurück bei der Erinnerung an die früheren Urtheile 
der Atheniensischen Gelehrten, und besonders an die väterlichen 
Ermahnungen des theuern Oikonomos (siehe vorher S. 54). Um 
jedoch Simonides nicht ganz preiszugeben, miethete ich Mitte Oc- 
tober eine andere Wohnung für ihn und suchte ihm auch einen eige- 
nen Lehrer zu verschaffen. Aber auch dieser Dienstleistung von 
meiner Seite bewies er sich wenig würdig, namentlich durch sein 
Benehmen gegen den ihm zugeführten vortrefflichen deutschen Leh- 
rer. Meine in die letzten Monate des Jahres 1855 fallenden Erfah- 
rungen an Simonides und an seinen hiesigen Freunden, besonders 
an dem gläubigen Verehrer des Uranios und seines Urhebers , dem 
Herrn Prof. Wilh. Dindorf, habe ich vorher so ausführlich erzählt. 



«5 

dass ich durch eine nochmalige Wiederholung die Leser zu lang- 
weilen förchten mösste. Nur maclie ich nochmals darauf aufmerk- 
sam, wie schwer meine Aufgabe war, sowohl die Pflichten ^egen 
einen Landsmann zu erfüllen, als auch der Wahrheit ibr volles Recht 
zu geben. Leider bin ich darin durch die für die Paliropseste sich 
iDteressircnden Gelehrten ^ so wenig unterstützt worden. Aber dar- 
auf darf ich doch vertrauen, dass mein Verhalten in der ganzen 
Sache von allen billig denkenden Männern in Deutschland wie in 
Griechenland mit Nachsicht beurtheilt und gewürdigt werden wird. 
Wfinsche ich nun einerseits, dass die Gelehrten, wie Prof. Dindorf, 
durch diese schwere Erfahrung grössere Vorsicht für alle ähnlichen 
Fälle möchten gelernt haben, so wünsche ich andrerseits noch viel 
mehr, dass Simonides durch die gereifte bittere Frucht seiner Ge- 
wissenlosigkeit, seines Betrugs, nachhaltig gebessert und zu einem 
redlichen Gebrauche seiner grossen Fähigkeiten für immer möchte 
gedrängt worden sein.^ 



< 1. Ais mein darch die Dindorfschen Entstellungen der Wahrheit 
hervorgerufener Artikel in der D. Allg. Zeit. Nr. 32, bei welchem ich 
eine ängstliche Rücksicht auf die betheiligten Personen der Ehre der 
Wahrheit nach stellte, erschienen war, erlaubte sich einer dieser Ge- 
lehrten gegen mich sogar die Aeusserung: Das ist ^raeca fides. Es ist 
wohl ohnehin höchst unbillig, wenn gerade Deutsche dieses Wort des 
Alterthums, das den römischen Uebermuth gegen ein freiheitslustiges 
Volk bezeugt, noch jetzt demselben Volke , das sich durch sein blutiges 
Märtyrerthqm für die Freiheit ins neue Staatslcbeo eingekauft, ins Ge- 
sicht Bchieuderu. Aber in dem vorliegenden Falle, wo mir das alte 
4piXos Ükoctfoy sc. yor Augen stehen musste, brauche ich nicht erst zu 
sagen, wie unwürdig dieser Vorwurf im Munde eines Mannes sei, der 
für alle meine früheren Aufklärungen über die falschen Palimpseste taub 
gewesen. 

2. Bevor noch dieser Bogen zum Abdrucke gelangt, giebt uns Herr 
Simonides zu einem Nachtrage Veranlassung. Derselbe ist nämlich , wie 
auch die D. Allg. Ztg. vom 1. April und andere Leipziger Blätter dess. 
Tages berichten, zu allgemeiner Ueberraschung nicht nur ohne Weiteres 
in Berlin seine/ Haft entlassen worden -^ wahrscheinlich weil Simoni- 
des von dem Handel Prof. Dindbrfs mit der Berliner Akademie gar nichts 
wusste und daher auch nicht vor die Preussischen Gerichte zur Bestra- 
fung gehörte — , sondern auch am 29. März zu Leipzig im Cafe francais 
wieder erschienen. Hier trat er mit nichts Geringerem auf als mit der 
Prahlerei seiner nunmehr erwiesenen Unschuld, weshalb er denn auch 
Genugthuung von den Leipziger Gelehrten, die ihn verfolgt hätten, ver- 
langen wollte. In Berlin, so erzählte er, habe er das Ehrengeleit der 
Professoren bis zum Bahnhofe erhalten; Lepsius habe ihm gesagt, er 
sei zu seinen Diensten wenn er Geld brauche. Ja, es sei ihm die Wahl 
gelassen worden, sein Manuscript oder das Geld dafür in Empfang zu 
nehmen ! ! ! Doch dieses abenteuerliche Auftreten zu Leipzig , wobei er 



0« 

; Da iftis so eben die Nnmtnet der TlaviwQa , welche den Brief 
des Hrn. Mustoxydis enthält, zokommt, so entlehnen wir detnselfoen 
wenigstens einige Stellen : (Vergl. oben S. 48.) 

— — l4vuyvovg rrjv 2vf,tdtda IXvn-^&tjv, Stori tj yovt^wg 
Tov avyyQaq)Hog (pavTaala, 'Avr) vä ne^ißa^j] ro novfj/na rov 
ycofxxpbv ninXov rijv nof^aeMg, h'iövat vor oeßda^ttov T^g iüto- 
Qlag If^artofiov. "Oom n()oxcoQtT rtg tig rriv ävdyvwatv tov 
ßiß%iov, roau) /näXXov xaJ efg roig /t«^ o'^vöe^xeTg xareifpahtTai 

fj f,ivd'07toifa, IT^og Ttjuriv rov^E&vovg xut Sm ttjv n^og 

if^äg dydnrjv rivyof^rfV tj' Xrj&rj vd xaroixaXvif/i] rfjv Svfittt<öa, 
"fing (falvitai ttg i^ii dnahiog ngoSgoittog tmv äXXwv Tia^' 
ifLUP AvexSoTfov. Jl^og eXiyxov trig yvtjaidrrirog twv ;ffi()oy(Kx- 
ifüDv ovTf öionxQai dnanoviTUi TiaXaioyQafftug , ovrc m^^afxf^ 
vdh doxijLmota. — — *^uv ii i'xrj'it tijv avvtidfjaiv , Eu rä 
&IXh TiaQ^ vfiTv ^ugoyQottfa ^iv tlvai nkaard xul vnoßoXtfiaTa, 
lxS(jiaaje aird, xai d^eXett dnoXdßai o(piXog xttJ Ttf.ttjv. ^AXX^ 

InavaXiyco^ /Lii XvntT ort nQorjyTjd'f] avrwv tj 2vfia'tg, 

M^ ImxeiQTixt nuQdßoXu t^ya, l'% wv l'ii fiäXXov TaXatna)()Hiai 
ßiog- H fvfpvi'a xai al yvfoaeig vfxt»v Sivwvtai %*d vnoSiiiß* 
aiv tig tfiäg tv&vriQVLv y.ai ivnoQcoiegav bdov. 



nicht ohne freandliche Unterstützung geblieben, daoerte nicht lange; 
denn schon am 30. März gab ihm die Leipziger Polizei die Weisung, in 
der Richtnng seiner Heimath abzureisen. Er reiste deshalb am 90. März 
Nachmittags um 3 Uhr, polizeiKch gcflertet, nach Wien ab. Möge Vmh 
ein guter Geist recht bald zum Geleitsmann werden. 



Beilag^en/ 



A. Bericht des Herrn Prof. D. Tischendorf, erschienen im 
Feuilleton des Dresdner Journals Nr. 30. den 5. Febr, 

Das Palimp868t des Uramos. 

Bereits seit längerer Zeit unterhielt man sich in Leipzig von 
den kostbaren, durch den Griechen Simonides aus Symi nach Leipzig 
gebrachten griechischen Handschriften. Es traten darunter beson- 
ders drei als bedeutend hervor: eine Papierhandschrift vom Hirten 
des Hernias, einige Palimpsestblätter desselben Inhalts und ein Pa* 
limpsest von 70 Blättern mit der ägyptischen Königsgeschichte des 
Uranios. Sobald ich die ersten Andeutungen von diesen Manu- 
scripten erhielt, äusserte ich meine Bedenken darüber, dass derselbe 
Grieche, von dessen handschriftliehen Fälschungen ich kurz vorher 
in Oxford gehört hatte, jetzt auf seiner Rückkehr von England nach 
Leipdg so herrliche Sachen gebracht haben sollte. Doch ein Ur^ 
thefl über Echtheit oder ünechtheit derselben konnte ich nicht ab- 
geben, da ich nichts von Allem gesehen hatte. Unterdessen wur- 
den die drei Octav -Papierblätter einer Athos- Handschrift nebst 31 
von derselben Handschrift durch Simonides abgeschriebenen Quart- 
Seiten mit dem grössern Theile des sogenannten Hirten des Hermas 
von der Universitätsbibliothek angekauft, und auf Grund dieser Pa- 
piere erschien der bis dahin noch nicht bekannte griechische Text 
der genannten wichtigen obschon irrthümlich dem Hermas zuge- 



1. Da die Beilage A schon der 1. Auflage der „Enthüllungen" des 
Herrn Lykurgos beigedruckt gewesen, so gestattete ich gern die Wieder- 
holung derselben und die Beifügung der Beilage B. Ausserdem habe 
ich beide durch Anmerkungen und durch die Nachschrift jetzt ver- 
mehrt. C. T. 

5* 



68 

schrlebenen Schrift des 2. Jahrhimdeits. Einige Wochen nach dieser 
Publication, Anfang Januar, wurde ich von raehrern bei uns stu- 
direnden mir befreundeten Griechen in Betreff der Manuscripte des 
Simonides angeredet, indem sie mir andeuteten, dass sie die beiden 
Palimpseste für unecht hielten und auch au den abschnftllch über- 
gebenen Blättern des Hermas bedenkliche Willkürlichkeiten rügten. 
Hierauf überzeugte ich mich durch Autopsie , dass die an die Uni- 
versitätsbibliothek gelangten drei Originalblätter des Hermas unbe- 
dingt echt waren; die übrigen handschriftlichen Bestandtheile der 
Hermas -Handschrift waren aber nicht zur Hand. Die Palimpsest- 
blätter desselben Hermas waren mittlerweile für eine erkleckliche 
Summe in den Besitz eines namhaften Antiquars übergegangen.^ 
Meine über dieses Manuscript und über das des üranios auf Grund 
jener Griechen - Mittheilungen geäusserten Bedenklichkeiten , um für 
jetzt von den 31 Blättern des Herthas nicht weiter zu reden,* fan- 

1. Das Genauere hierüber siehe bei Lykurgos EnthäU. S. 14. 2. Aufl. 
Aber nicht für den hier Angedeuteten, sondern für eine öffentliche Bi- 
bliothek geschah der Kauf dieser Blätter durch Dindorf. Uebrigens sind 
in der 2. HäKte des Januar, als Simonides noch andere Blätter desselben 
Palimpsests, angeblich wieder aus Alexandricn eingetroffen, nachbrachte, 
einer Glausel des früheren Gontracts gemäss , die 4 obengenannten Blätter 
gegen Rückzahlung der empfangenen 100 Thaler an den Entdecker zu- 
rückgegangen, damit er nun fürs Ganze neue selbstständige Forderungen 
stellen könnte. 

2. Vergl. darüber DUch. AUg. Ztg. Nr. 32. sowie Lykurgos Enthüll 
S. 4 — 7. 2. Aufl., wo der ganze von der grössteu Unkritik der Bethei- 
ligten zeugende Hergang genau referirt wird. Die Unkritik liegt ganz 
besonders darin, dass man die Absicht einer Uebernahme und Heraus- 
gabe der 3 Blätter und der abschriftlichen Stucke ausgesprochen, ohne 
nur wenigstens die letzteren zu sofortiger Ansicht zu verlangen. War 
die letztere erfolgt, so war der ganze Betrug nicht möglich; dagegen 
liess man dem Simonides, dessen betrügerische Streiche ja längst bjekannt 
waren, völlig freies Spiel zu seinen Veruntreuungen, und hatte hinter- 
drein nicht einmal ein sicheres Mittel der Controle. Ebenso hat man mit dem 
gegen Simonides ausgesprochenen Bedenken , es möchte der griechische 
Text eine Rückübersetzung aus dem Lateinischen sein, seinen Muthwilien 
geradezu herausgefordert. Das war eine Prüfung, die den Simon, gar 
nichts anging. Ausserdem musste sich der schlaue Simon, zu um so 
freierem Schalten in der Umgestaltung des abschriftlichen Textes ermun- 
tert fühlen, da man meinte, man habe die Entdeckung erst selbst ge- 
macht, während Sim. seinen Hermas, obschon er den grössten Theil auf 
31 Quartseiten abgeschrieben , kaum nur gekannt habe. Jetzt übrigens liegt 
die Sache nun so, dass alles, was ausser den 3 Originalblättern edirt 
worden ist, an wer weiss wie vielen Stellen Simonidisch geworden und 
deshalb der grössten kritischen Sichtung bedarf. Gelingt es der ur- 
sprünglichen Athosabschrift noch habhaft zu werden, so bleibt dann nur 
noch der Uebelstand, dass es einem Manne wie Simonides schwerlich 



00 — 

den um so weniger Anklang, als die Angaben der Landsleute des 
Sinaonides längst auch anderwärts bekannt waren » aber als Aeusse- 
rungen des Uebelwollens verdächtig erschienen. Obschon ich diese 
YerdSchügung nicht iin Geringsten theilte, wünschte ich doch nun 
überaus, die fraglichen Palimpseste mit eigenen Augen zu sehen 
UDd zu prüfen. Zu meiner Genugthuung erfüllte diesen Wunsch 
Prof. W. Dindorf, indem derselbe am 22. Januar ein Blatt des Hermas 
und eins des Uranios mir zur Ansicht brachte. Mein Erstaunen war 
nicht gering, als ich schon nach wenig Minuten auf beiden Blättern 
eine Menge paläographischer Eigenthümlichkeitea bemerkte, die mir 
als innere Widersprüche in dem Charakter der Schrift galten. Beson-* 
ders waren es die Formen des t, des /< , des v und vollends die des u, 
welche ich als solche bezeichnen musste, die mir noch in keiner der 
vielen ähnlichen von mir gelesenen Handschriften des höchsten Alter* 
thums vorgekommen waren Dazu kam, dass das Hermas -Palim- 
psest einer viel jüngeren Zeit angehören sollte als das des Uranios, 
was wohl durch die Erscheinung einzelner Spiritus in dem erstern 
veranlasst war, wovon das letztere völlig frei geblieben. Allein zur 
Setzung dieser Spirituszeichen fehlte bei den bemerkten Beispielen 
jeder paläographischer Grund ^, und gerade in den fehlerhaften For- 
men der genannten Buchstaben fand Ich beide angeblich so verschie- 
dene Palimpseste üi>ereinstimmend. Eine andere mir sehr bedenkliche 
Erscheinung war die des beigeschrieben^n Jota, das ich als höchst 
seltene Ausnahme in der Uuzialscbrifl der ältesten Pergamente cha- 
rakterisiren musste. Fast den stärksten Eindruck machte mir aber 
das Pergament des Uranios. Dieses Blatt in meiner Hand vergegen- 
wärtigte mir völlig die Manuscripte des 11. Jahrhunderts, passte 
aber aimmermehr zu dem Begriffe eines Palimpsestes aus dem 5. Jahr- 
hundert. Namentlich fehlte daran vöUig Jene von mir öfters bespro- 
chene Ungleichheit der Blattseiten, durch welche sich fast aus- 
schliesslich bei den ältesten Handschriften die Haar- und die 
Fleischseite des zum Pergament verarbeiteten Felles unterscheiden. 



Gewissenssache war, das ihm auf jenem Berge vorliegende Original, wenn 
er es anders vollkommen zu lesen verstand, strengkritisch ZQ copiren. 

1. Ich führte als Beispiel einer solchen paläographisch berechtigten 
Setzung die mir aus den Dorgianischen Fragmenten des loh. Evang. so- 
gleich gegenwärtige Stelle oox^oo au. 



90 

Endlich wuren die mit ehemiseher Tinctor berührten Stellen ebet 
heltblaugrau als dunketblan g^efarbt, welche letztere Farbe aof den 
von mir bei P^aümpsestarbeiten aa^efirisehten Blättern hervorzutreten 
pflegte. ' Alle diese Erscheinungen machte Ich ohne Rückhalt Herrn 
Prof. D. b^inerklich^, so wenig ich auch bei demselben Glauben fand. 
Ebenso machte ich Tags darauf, den* 2 8. Januar, gegen mehrere dabei 
hiteressirte Gelehrte vollen Gebrauch von meinen der Echtheit beider 
PaKmpseste so ungunstigen Beobachtungen ; fast schien es auch, als 
ob sie nicht ganz überhört würden. Ich ging desselben Tage&noch^ 
mals zu Prof B. und erklürte mich durch mein Gewissen gedrungen, 
ihm meine völlige Ueberzcugung von der Unechtheit der gesehenen 
Palimpsestblätter zu wiederholen. Ich stellte mich ausdrücklieb ganz 
zu seiner Bisposition, um den argen Betrug nachzuweisen, auch 
nannte ich als eins der bessern Prüfungsmittel , ein paar Zeilen ver- 
suehsweise wegzuwaschen , wobei höchst wahrscheinlich die obere 
unbedingt echte Schrift, des 11 . Jahrhunderts etwa, länger ausdaaern 
weixle, als die untere. Ich verband mit meinen paläographisehen Be- 
weisen auch die Blndeutung auf die Verdäehtigungen des Simoaldes 
und seiner Palimpseste durch die eigenen Landsleute desselben: aber 
iob erlangte nicht einmal auch nur eine nochmalige Ansicht der Hand- 
schrift. Bie letztgenannten Verdächtigungen wurden ebenso ais 
längstbekannt und wohlgeprüft bezeichnet, als meine eigenen „Ge- 
danken^* als längst überwundene zurückgewiesen wurden. Als ich 
erklärte, dass ich es wagen wollte, mein eigenes ürthell zu verö£fent- 
Kchen, wurde mir es fraglich gemacht, ob ich aueh ein Recht habe, 
über ein Privateigenthum , wie das PaMrapsest des Uranios sei , mieh 
öffentlich auszusprechen. In der That nämlich hatte Prof. B. am 
2^. Januar das Palimpsest des Uranios — seit dem 15. — bereits 
uvf 20OO Thlr. von Simonides gekauft und bezahlt, sowi^ er auch 
bereits ein Stück des Textes in Oxford hatte drudLcn lassen, dessen 
Ankunft er täglich erwartete. * 

1. Ich bemerke noch, dass die Prüfung der Echtheit des Palim- 
Bestes durch angewandte Tinctur auf völligem Irrthum beruht. Denn 
selbst unsere gewöhnliche Tinte hat meist die Eigenschaft, sich durch 
dieselbe Tinctur in ein schönes Blau zu verwandeln. 

2. Auch holte ich zur Verdeutlichung des Unterschieds der unechten 
Blätter und der wirklich echten Palimpseste Mchreres aus meinen eigenen 
Sammlungen herbei. 

3. Auf die baldige Ankunft dieser Proben verwies mich Prof« Dia- 



— 7t — 

Am Ab«tid desaelben Tages besuchte mich 4er vortreffliche 
Akoiander Lykuifos, und wh thailte iiim inciue aa deu beiden Pa- 
liinpsesteiii gemachten paläogtaphischen Beobachtungen nebst den 
daran geknüpften Erfahrungen mit fr entgegnete mir, davon, von 
den Palimpsesten selbst, verstehe er gar nichts, aber von 4en» 
Texte des Ucaaios sei er völlig überzeugt, dass er ein Machwerk 
dies- Simonides, selbst sei. Da er sich bei seinen Angaben hierüb^j^ 
aulsetiae von Simonides seit 185^ von London empfangenen Briefe 
beeiefy.^o wünschte ich sehr, die Briefe selbst zu sehen, i^m auch 
nach dieser Seite zur völligen Gewissheit ^^u gelangen. Freilich 
iMtte liyHwgos den wichtigsten <Heser Briefe, worin ihm Simonides 
eröffnet, 4as$ sich seine in den Speciminibus des Letztern gemach- 
tea« freien Gorrektureu hinterdrein in dem so schwer zu lesenden 
Palimpsesten selbst vorgefunden, schon frühei: — am 23. December 
-TT auch Prof. D, vor Augen gelegt, ohne ihn jedoch in seiner Zuversicht 
iffre maeben zu können: besonders wohl, weil Simonides einen sicher- 
Uicb lingirten Brief des Lykurgos — nach London zurückgesandte Spe* 
cimiiiamit naehgemaehten Gorrektureu des Letztern — zur Entkräftung 
vorgeiira^ht. .Lykurgos theiUemir jetzt ^ auch seine Absicht mit, öffent- 
\kih wider den gefährlichen Fälscher Simonides und seine Bewun- 
dosier aufzutreten, waß.er der Wissenschaft, seinem Vatcrlande und 
SMoer eigenen Ehre schuldig sei. Ich konnte ihn in diesem Vor- 
aats^ nur bestärken; ijch ttiat es um so mehr, weil ich deshalb zu- 
BÄcybsl» für meinen eigenen Tbeil von jeder öffentlichen Erklärung 
absehen kojante. ^ Am. 25. Janvac gewann ich Einsicht in vier der 
Bfiefe 4eis Simonides : es w^rde für mich damit auch von dieser Seite 
jßgliebec . Zweifel an, deiu vorliegenden Betrüge erledigt. Einen 
fünften BjrieC, den ersten in der geführten Gorrespondenz ; der mit 
gro&sem Geschick auf die Täuschung des Herrn Lykurgos. selbst be- 



darf: dann könne man »Uh von der Ochtfe^it des Textes überzeugen, 
oder auch dagegen schreiben. Ich beschränkte mich daeegeo auf die 
paläographische Beweisführung gegen das Paitmpsest, und Hess es, da 
iflh es ja nicht geprüft, dahingestellt, ob auch der Text völliger Betrug 
oder etwa aus einer neuen Papierhandschrift zum Palimpsesten verar- 
beitet sei. 

1. Ich hatte dazu schon bei seinem ersten Besuche aufgefordert. 

2. Ich bcme^e hierbei , dass die Darstellungen des Hrn. Alexander 
I^ykacgos auch in der Z. AaH. seiner Entbüllungen der vollen Wahrheit, 
so weit ich sie kenne, getreu sind. 



72 

rechnet war, sah Ich am 28. Januar, an welehem Tage die „ent- 
hüNende'* Abhandlung des Letztem im Manuscripte fertig vorlag. 
Uebrigens glaubte er nunmehr auch einige der langgetäusebten so 
frenndlichen Beurtbeiler des Simonides zu anderer Meinung vermocbt 
KU haben. 

So weit war die Sache gediehen , als mir am 29. Januar Nach«- 
mittag von Freundeshand ^ aus Berlin die höchst überraschende Nach- 
richt zuging, dass das PaUmpsest des Uranios von Prof. D. der Aka- 
demie daselbst käuflich angetragen worden sei, dass man grössten* 
theils, nur Alex. v. Humboidt wurde als Zweifler namhaft gemacht, 
an dessen EchtheK glaube, und dass die verlangte sehr hohe, in 
den letzten Tagen schon von anderer Seite her bekannt gewordene 
Ankaufssumme von Sr. Majestät bereits zugesagt sei. Nach Em- 
pfang dieser Mittheilung kannte ich keine dringendere Pflicbt als 
die, meiner völlig begründeten Ueberzeugung sofort an massgeben- 
der Stelle Geltung zu verschaffen. Ich benutzte dazu ohne allen 
Verzug, den 29. um 4 Uhr, die Mittheilung durch den Draht und 
sandte derselben sogleich noch nach eine ausfuhrliche Darlegung 
sowohl meiner paläographischen Gründe gegen die Echtheit der 
Handschrift, als auch der mir durch Lykurgos gewordenen brieflicben 
Aufschlüsse. Am 31. Januar begab sich Prof. Lepsius mit dem 
Polizeidirector Stieber nach Leipzig, wo am Morgen des 1 . Februar 
die Verhaftung des Simonides und die Beschlagnahme aller seiner 
Effecten erfolgte. Diese Schritte standen nun wohl im ZosammeiH 
hange mit meinen nach Berlin gethanen Schritten ; zu^ich aber er* 
fuhr ich am 2. Februar aus einer Mittbeilung des Vorstandes der 
königl. Bibliothek daselbst, dass auch Pertz und die Mitglieder der 
Akademie durch zuletzt noch angestellte chemische und mikrosko*- 
pische Proben die Ueberzeugung von der Unechtheit des Uraoios«- 
Palimpsestes gewonnen hatten. Die Veranstaltung dieser Proben 
schloss sieh wahi'scheinlieh an die wissenschaftlichen Zwdfel an, 
welche dem Prof. Lepsius in den letzten Tagen bei Prüfung einiger 
Textesstellen des Uranios aufgestiegen waren , und die er auch schon 
am 27. Januar zur Kenntniss Sr. Königl. Majestät gebracht. 



1. Ich luoss ausdrücklich bemerken, dass Herr Dr. Brugsch, voo 
dessen Haad ich den Brief empfing, ganz uiibetheiligt an der Präfiiog 

des Paliinpsestes geblieben. 



73 

Dies der Verlauf einer Angelegenheit von so ernster Natur, 
das« es als eine Pflicht erschien, mit strenger Wahrheitstreue zu 
berichten, dass Leipzig mcbt nur der leider so vielfiich glückliche 
Sffolg eines nach manchen Seiten unerhörten Betrugs, sondern auch 
die Entlarvung desselben angehört. 

Leipzig, am a. Februar. Const. Tischendorf. 



B. 

Noch ein Wort zur Uranios -Frage. 

Eins der Nachspiele zu dem Uranios- Drama, worüber ich un- 
term 3. Februar genauen Bericht erstaltet habe , beschäftigt sich 
damit, die geglückte Entlarvung des Betruges ausschliesslich nach 
Berlfn zu verlegen , also eben dahin , wo über den von Dindorf an- 
getragenen unschätzbaren Fund des Simonides der lauteste Jubel 
laut geworden. Bas mag wohl überall befremdet haben, wo man 
gelesen, dass ich bereits am 22. und 23. Januar mehrern Leipziger 
Gelehrten und namentlich dem damaligen Besitzer der Bandschrifl 
unumwunden die völlige Ueberzeugung von dem vorliegenden Be- 
trug ausgesprochen. — Auch gegen uns hat dies Herr Prof. Tischen- 
dorf zu jener Zeit bereits gethan. Anmerk. der Red. des Dresdn. 
Journ. — , ja sogar dem Letztern , unter Anrathen sofortiger Ver- 
haftung und Beschlagnahme, mich ausdrücklich zur Disposition ge- 
stettt habe behufs der Nachweisung des Betruges ; dass ich auf die 
entschiedene Weigerung des neuen glücklichen ^Besitzers und auf 
seine Erklärung , es gehe mir das Recht ab , über sein Prrvateigen- 
thum mich öffentlich auszusprechen , die nächsten Tage geschwiegen 
bis zu dem Momente, wo mir das erste Wort von der Theilnahme 
der k. Akademie zu Berlin an dem bewunderten Objecte zuging ' ; 

1. Barch Prof. Lepsius ging mir vom 11. Febr. die NoUz zu: „Ei 
heiaat, dass Sie schon früher, etwa um den 19. oder 20. Januar, auf 
die Nachricht der hiesigen Vorgänge an Hrn. Dr. Brugach Ihre lebhaften 
Zweifel ao der Echtheit der Handschrift ausgesprochen hätten." Dies 
war nach der einen Seite ganz unmöglich, weil ich auch nicht die ge- 
ringste Ahnung von den Berliner Yorgängen hatte, nach der andern 
Seite erschien es mir als eine Beeinträchtigung der Wahrheit meiner 
obigen schon unterm 3. Febr. gegebenen Versicherung. Daher freut es 



74 

dass ich hierauf aber unverzügliefa, d. h. den 29. Januar 4 Uhr, den 
Telegraphen gewählt, um meine volle Ueberseugung vom Uranioft- 
Betrage in Berlin zu melden , wodurch keine andere Absicht ausge- 
sprochen sein konnte, als dass man von dort, wo man bereits au 
11. Januar 2500 Thir. hierher vorausbezaMt hatte, in derselben 
Stunde mit dem Verhaft^beSehl zuruckantworten möchte : lyälvend 
man statt dessen in Berlin vorzog, am 30. Januar Nachmittags che- 
mische und mikroskopische Beweise zu Verstärkung der schon vorher 
daselbst aufgestiegenen sachlichen Zweifel aufzusuchen und dann 
am 1. Februar die Verhaftung hier vollzog. Allein dieser Verlauf 
ist auch ohne alle Glosse , wie ich meine , hinlänglich klar. Eine 
für die Wissenschaft wichtige Frage ist aber d!e , ob denn wirklich, 
auch abgesehen von den ersten getäuschten Nichtwissern , die ihre 
Zweifel im chemischen Blau der alten gelben Schriftzüge begruJsien, 
keine Möglichkeit vorlag, auf rein paläographischem Wege die U»- 
echtheit des Products nachzuweisen. Sollten demnach wirklich nach* 
gemachte Gassenbillets oder Banknoten der Entdeckung durch ein 
$ftchvertrautes Auge nicht entgehen können , woh) aber ein im Jabie 
1854 gefe^rtigtesPalimpsest, das ein Alter von 14 — 1700 Jah/tea 
beansprucht? Dies behauptet in der That Prof. Lepsius mit den Wor- 
ten: „Die meisterhaft im Style der ersten Jahrhunderte nach Chr.. 
geschriebenen Züge der Unzialschrift würden auch jetzt noch dem 
Paläographen kdnen, hiqlängUchen Anhalt für eine Verdächtigung; 
darbieten.'' Damit contrastiit freilich ipeine Darstellung von der 
durch mich sofort erkannten paläographiscb^a innern UnmögliqUI^ü 
des Uranios-Palimpsesten. Irgend ein unbefangener Leser IfönAte 
nun wohl dazusetzen: Man kann höchst gelebirt sein, ohne deshalb 
griechische Paläographie zu verstehen. Wer in einer Wissenschaft 
nicht heimisch ist, begreift oft nicht, die in derselben giltfgen Ge^et^ 



mich sehr, deo Wortlaut dessen «uilühren zu köQoen, was ich scImm^ 
am 14. Jan. an Hrn. Dr. Br. geschrieben: „Von den famosen Leipziger 
ErfahruDgeu an Simoeides haben Sie bis jetzt wahrscheinlich nur das 
Beste uod Heber raschendste gelesen. Der hinkende Bote wird wenigsleofl 
■ieht ganz liusbleiben, wenn schon die 3 Blätter „,»sus dem 15^ Jahr'» 
hundert*"' ohne Zweifel echt sind/* Diese Mittheilung bezog sich iiA^ 
tiirlieh gaaz ausschliesslich auf hiesige Vorgänge; aber begreiflicher 
Weise hatte sie für einen Berliner Empfänger, der die UehertrSgoog des 
üranios'Palimpstes von Leipzig nach Berlin kannte, eine ganz andere 
als die von mir hineingelegte Bedeutung. 



15 

vfid Folg6r»ng«n. Man kikmte aber auch meifieii , nach iykufgischen 
£nl)iöilufigen sei es nicht schwer, Paiäographie zu Tisrslehen. Man 
könnte diese Meinung^ wenigstens äussern ^ , trotzdem , dass weder 
der Käufer der Handschrift , der bis zum 22. December uiwerglekh- 
llch mehr Ton diesen Enthüilufigen wusste als ich am 2d. Januar, 
und sie sogar plHchtschuldig in Berlin 2ur Kenntniss bi:achie, nchch 
auch die andern mit denselben Efi^üIlungeB längst vertraut gewor- 
denen Gelehrten dadurch auch nur in den Stand gesetzt wurden, die 
paläograpfaischen Nachweise zu begreife. Allein die&e Angelegen- 
heit hängt nicht vom fiin- und Herreden ab, sie lässt sieh vielmehr 
nooh^ jetzt rein wissenschaftlich entscheiden. Nur möchte ich den 
Lesern nicht ohne Weiteres Erörterungen über a und t und fx und i;, 
«Ueich theils als verfehlt in der «Form, theils als in iniietem Wider- 
spruche mit den übrigea gebrauchten Formen betrachten muss, übex 
das Pergament, das gänzlich vom höchsten Altertbume abliegt, und 
aber Aebnliches zumiithen , sondern ich verweise, wer sieh dafür in- 
teressirt, darauf, dass dar Gegenstand in einem paläographisebeB 
Speisen zur Evidenz gebracht werden wird. Von meinen schon 
au^gesprodienen Behauptungen aber kann ich auch nicht das Ge- 
ringste zurücknehmen ; ich kaun nur wiederholen, dass für Jedes mit 
der Pafiiographie der ältesten grieehischen Pergamentbaadsebrifiben 
vertraute Auge die auf Täuschung der Niobt-PaHtographen allerdings 
meistcrball angelegte Schrift der Simonidiscben Palimpseste solehe 
innere Unmöglichkeiten vereinigt darstellt, dass die paläographisehe 
Wissenschaft auch dem Simonides und seinen Bewunderern gegen- 
über ihr volles ungeschmälertes Recht behält. Nur eins bemerke 
ich noch: Dindorfs so schnell berühmt gewordenes Argument, „dass 
doch jedes Wort im Uranios griechisch sei", ohne die moderne ^ 
Phrase xar ifxfiv i$iar , ä mon Idee, auszunehmen, das wird doch 
wohl Niemand auch paläographisch damit geltend machen wollen, 
dass doch jede Letterform darin grieehiseb sei. 

Der Sicherheit meiner Ueberzeugung hierin, mit der ich nicht 
im Geringsten geglaubt oder gewünscht hatte nochmals hervortreten 



1. Ben bistorischea Veriauf in dieser Sacke hat nanmehr Hr. Ly* 
kurgos in der 2. Aufl. S. 17 fg. so geoau erzählt, dass die weitere Wie- 
derholung solcher Verdächtigung dem Begriffe einer ehrlichen Biscussion 
doch wohl zuwideplaulen würde. 



7« 

zu müssen, diient zur Gfundiage eioe genaue Beschäftigung mit fiist 
fünfzig griechischen Patimpsesten, bald grossem, bald geringem 
Umfanges, sowie mit mehr als 120 griechischen Unzialhandscbrifleu. 
(Jeher dreissig der äUesten darunter sind von mir theite herausge- 
geben , theils zur Herausgabe vorbereitet, und die allermeisten sind 
von mir eigenhändig oder unter meinen Augen facsimiiirt worden. 
Die Zahl sämmtlicher bis jetzt wissenschaftlich bekannt gewordcjuen 
griechischen Palimpseste beträgt kaum 70, die der säiämllichea 
griechischen Unzialbandschriften auf Pergament wohl wenig über 150. 
in Berlin selbst, so viel ich weiss, besitzt man bis jetzt weder einen 
einzigen griechischen Palimpsesten , noch eine eii^zige solche grie- 
chische Handschrift ; sie liegen auf den Bibliotheken aller Länder zer- 
streut, und nur wer sich damit zu bestimmten wissenschaftücheo 
Zwecken beschäftigt, wird sich genauer danach umgesehen haben. 
Die Facsimiles bei Montfaucon von mehrern solcher Handscbiiften 
sind höchst unzuverlässig; wie Stmonrdes mehrere falsche Formen 
daraus oder aus ähnlichen Quellen gewonnen zu haben scheint, so 
sind auch falsche Beweise daraus sehr leicht zu gewinnen. Während 
ich dergleichen im Voraus zurückweisen rouss , sowie alle voh pa- 
läograpbischer Unkenntniss dictirten Zweifel oder Argumente,. er* 
Uäre ich mich zur sofortigen Zurücknahme meiner paläegraphiscbeo 
Beweisführung bereit, sobald mir wirklich ein echtes Manuscript vor- 
gezeigt wird, wodurch die Meisterschaft der Simonidiscben Schrift 
in seinen Palimpsesten beurkundet wird. 

Den 13. Eebrüar. " C. Tischendorf. 



Nackschrift. 



Lag schon in dem ersten vom 6. Febr. datirten polemischen 
Ausfalle des Herrn Prof. Lepsius gegen mich , d. h. gegen meinen 
Bericht vom 3. Febr. — aus dessen Wortlaut, zumal zusammenge- 
halten mit der historischen Darstellung des Herrn Lykurgos, die 



77 — ^ 

6ruiHflo9igkeit eines solehen Ausfalles sich hinlänglieli beurtbeilen 
lassen wird — einehöehst unerwönscfate Nöthigongzu meinem Nach* 
"Worte vom 13. Februar, so gilt dies nofch weit mehr von der Provo- 
kation, mit welcher Herr Prof. Lepsius am 17. Febr. djeses Nach* 
wort erwiedert hat. Was er zur Abwehr eines Antheils an der Ent* 
larvuDg vorbringt, übergehe ich; ich bemerltc nur, dass ich ein 
hierüber handelndes Schreiben vom 3. Febr. von der zuverlässigsten 
Hand besitze, dessen Text in sehr auffälliger Weise und in mehrern 
Stücken mit den Auslassungen des Herrn Prof. Lepsius centrastirt. 
Er wird deshalb wohl wenigstens gestatten , dass neben der einen 
Aufflissnng und Darstellung auch die andere ihr Recht behalte ; ich 
meinestheils begnüge mich vollkommen damit, uad will die Leser 
keineswegs zu genauerer Orlentirung in der Sache veranlassen. 
Anders verhfilt sichs aber mit dem Weitern. Prof. Lepsius schreibt: 
„Hr.T. beginnt nun noch eine nachträgliche Polemik gegen meine 
Anerkennung der paläograph. Geschicklichkeit des Sim., die ja doch 
seiner von mir durchaus nicht in Zweifel gezogenen paläograph. Ken- 
nerschaft nur zur Folie hätte dienen können. Herr Prof. T. scheint 
dies anders anfgefasst zu haben, und veranlasst mich dadurch zu der 
Bemerkung, dass ich von demselben mit mehrern von meiner Seite 
nicht verRnlassten Zuschriften beehrt worden bin ^ , aus welchen man 
hätte schliessen mögen , dass er die Handschrift des Uranios , deren 
ünechtheit er wissenschaftlich beweisen wollte , nie gesehen habe : 
so völlig unrichtig sind seine Angaben über die Schriflzüge dieses 
Textes und folglich auch die Schlüsse, die er daraus ziehte Den 
schlagenden Beweis dieser Behauptung werde ich führen, wenn es 
Herr T. wünscht ; er gehört aber nicht hierher , sondern in die ge- 
lehrten Blätter , und kann anstehen , bis die vejrsprochene Broschüre 
des Herrn Prof. T. über die paläögraphischen Verstösse der Uranios- 
Schrift erschienen sein wird." — So weit macht Herr Prof. Lepsius 
Gebrauch von den ,, unaufgeforderten*' Zuschriften. In Betreif dieses 
Prädikats bemerke ich, dass ich es für meine Pflicht gehalten hatte, 
Herrn Prof. Lepsius über die paläographische, von ihm als „meistCiT- 
haft'* und als für den Paläographen gänzlich unanstössig bezeichnßte 
Seite des Palimpsestes genauer £u unterrichten, ich wollte sagen ihm 

1. So steht in der Augsb. Allg. Zeitg. ; in andern Abdrücken hiess 
es, dass dies „unaufgefordert" geschehen sei. 



18 

wenigstens üe Beweise für meine entgegengesetzte M^ung zor 
Kenntnissnahme and Prüfung Torzulegen. Der proTocirende Charakter 
des Artikels tiegt nun aber zu offen vor, als dass ich ihn verkennen 
könnte. Allerdings wurde ich durch die darin enthaltene Drohnng 
keineswegs erschreckt, da mir ja von derselben Hand zwei, aller 
Drohung ledige, Antworten vom 1 1. und 15. Februar anf meine bei- 
den paläographischen Briefe vom 9. und 12. schon vorlagen. Nor 
fragte ich mich, wie es nur möglich sei, daes zwischen dem 15. Febr. 
und dem 17. solch ein greller Widerspruch stattfinde. An^ 15. Febr. 
nämlich «chrdbt Herr Prof. L. an mich wörtHch Folgendes : Auf der 
ersten Seite: „andrerseits können wir jetzt alle, undSie vor AUea, 
«n jedem Buchstaben nachweisen, daas er in irgend einem Pönktr 
oben von den uns bekannten Yorbildem abweicht.'' Auf der vierten 
Seite: „Sie hatten nach den finthüliungen des Lykorgos^' (das nach 
Mlt'L. durchaus fest) „auch die wissenschaftlicheUeborzen- 
g'UTi g gewonnen , dass die Handschrift unecht sei , und darin hat sic^ 
ihre paifiographische Kennerschaft entsefateden bewährt.*' • Auf der 
schien Seite : „Es würde mich sehr erfreuen , wenn ich einmal Ge- 
legenheit haben solfte, mit Ihnen, als unserm ersten Handschriftea- 
kenner, die oben von mir beantworteten Punkte nochmals mündlieh 
und dann wohl verständlicher durchzusprechen.'' Trotz aller dieser 
so schmeichelhaften Stellen vom 15. Febr. lautet die Eröffirang vom 
1 5. so feindlich? Und ebenderselbe Brief, auf welchen mit so grosser 
Anerkennung die Antwort gegeben worden, ist nun zum Objecte 
so barter Anklage geworden ? Die Veranlassung zu so grellem Wi- 
derspruche lag wohl in dem Umstände, dass ich mich nochmals (am 
13. Febr.) öffentiich ausgesprochen. Es geschah dies in der Tfaat 
nicht aus eigenem Antriebe, als vielmehr in Folge -des Drängens ge- 
lehrter patriotischer Freunde, welche in dem absprechenden Uptbeüe 
des Herrn Prof. L. vom 6. Febr. eine keineswegs mich allein. an- 
gehende Beleidigung fanden. Aber dennoch — das Nachwort steht 
zu Jedermanns Prüfung voran — wird es mit mir Manchem schwer 
ankommen, die- doppelte Antwort, dieses Süss und Bitter ans Einer 
Quelle , vom wissenschaftlichen Standpunkte aus zu begreifen. Ifon 
wird mich vielieidht auch ganz van der Pftiehi freisprechen nochnaeb- 
zuweisen, dass in meinen schon vom Gegner so freundlich anerkann- 
ten paläographischen Briefen gefährliche Unrichtigkeiten der besuch- 



7^ 

üften Art gar nicht yorliegen. Und dazu kommt, dass Herr Prof. 
L. selbst auf „die gelehrten Bfötter^ verweist, aber freilich , nach- 
dem er in den nicht gelehrten Blättern vor das grosse Publikum eine 
.80 schwere Yerdäektigung gebrecht hat, ohne dass über deren that- 
sächliche Begründung irgend Jemand ausser ihm urtheilen kann. 
Balier verdient es auch w(^ Entschuldigung, wenn ich schon an 
itiesem Orte , noch vor der Yeröffentlichung meiner paläographischen 
.Sehrift, (Hejeoi^en Briefeteilen wörtiicti mitthelle, mit deren Ter- 
>öffentlichung Herr Prof. L. gedroht, und auch dt« eigene in meinen 
Händen befindliche Entgegnung des Letztem auf eben diese Stellen 
Ipeifäge. ^ 

Ich schmb nämlich am 12. Februar : ,,Sie entgegnen aiiif meine 
Aa99l#lluhgen an dem Simanidiscb^n Palimpseste, dass alle gerüglen 
Formen: in alten Handschriften nachweisbar seien. Mit Ausnahme 
•des. f und jii weiss ich dies vollkommen , d. h. »owdbl das a als das v 
findet sieh vor. Allein das Haiuptmoment bei dieser Frage betrifft 
jdie lAiiere Einheit der Schrift Eine Bandschrift, wo die Form 'des 
"Y" — ich machte hier diejenige Form , welche sich Anecdot. sacr. 
et prof. Tafel T. Nr. IX findet — steht, kann nicht im Uebrigen die 

Schöne Alexandrrnische Haltung haben.*' „Beim e habe ich den 

starken gleichmässigfen Mittelstrich zu rügen. Wo sicK'T" wnd Pete, 
'finden, da kann nicht *© — idi machte hier den gleichmässig starken 
tind zwar auffällig starken Mittelstrich — stehen , sondern 6 — mit 
feinem Häkchen am Ausgange der Mittellinie — . Finden sich ja Mo- 
difikationen , so fiddet sich doch niemals ein starker gleich massiger 
•Mfttelstrich mit den fibrigen eleganten Alexandrin. Formen vereinigt.** 

Iliermit habe ich die beiden wundesteh Stellen zusammeng^- 
•stellt. Herr Prof. Lepsius entgegnete darauf: „Sie glauben in der 
Vandsdhrift HT und P gesehen zu haben , die nirgends vorkommen, 
sie können daher auch dem iß (nämlich dem mit dem starken Mittel- 
-felsftrfche) nicht im Wege stehen. Ebensowenig findet sich irgendwo 
ein V* (hier steht wieder meine aus den Anecd. angeführte Form) 
-welches allerdings sehr auffällig gewesen wäre.** 



. 1. Zor paleograi^hiseken Verdeatliohung bedienen wir ans eimgtr 
Typen dp Morpum, sacr. ined. aus der. Offizki der Iferren Giesecke «. 
Devrient' Wo diese nicht ausreichen, begnügen wir uns, eine charak- 
.*t«ri8ificnde"80tcbr«ibatii^ d«r ^•ch9lab«nform m tersnychen. 



80 

Was einerseits an meinen Bemerkung^en , andrerseits an dieser 
Entgegnung sei , das wird sich leieht beurtbeilen lassen. Allerdings 
wagte iah nämlich zur Vergleichung zwei Buchstaben herbeizuziehen, 
über deren Form ich keineswegs gewiss geblieben. Sie gehören 
nicht zu denen , die ich in der einzigen mir vergönnten halbstün- 
digen Ansicht der beiden Palimpsestbiätter am 22. Jan. so genau 
fixirt hatte, um sie am 12. Febr. mit voller Sicherheit wieder zu 
geben. Dies deutete ich aber selbst an in dem Zusätze: „Finden 
sich Ja Modifikationen,** u. s. w. Es können nämlieh nur entweder 
T und r , oder '"P und P, in den beiden Palimpsesten stehen. 
Die ersteren Formen gehören nur äusserst wenigen dem höch- 
sten Alterthume entstammten Pergamenthandsehriften an, obschon 
nicht leicht so, dass nicht auch die andern Formen sich daneben 
finden. Man vergleiche den Cod. Frid. Aug. , den Vatikan. Bibel- 
codex, den Cod. Sarrav. des Pentateuchs. Bei meiner Ungewiss- 
heit über den betrefifenden Gebrauch der Simonidischen Palimpseste 
setzte ich nun die gewöhnlicheren Formen, unter Anfügung der 
Klausel, und dies war um so unbedenklicher, weil der damit ange- 
strebte der Form des e geltende Beweis nur noch verstärkt wird, 
wenn die anderen älteren Formen von t <und y in den beiden Pa- 
limpsesten stehen sollten. Denn in diesem Falle kann der fifittel- 
strich des € nur in einer feinen Linie (nimmermehr in einem stariien 
Striche) auslaufen, wie dies in den angeführten Handschriften zu 
ersehen ist, obschon gleichfalls diese ältere Form in die andere über- 
schweift. Ja, es giebt der Fälle genug, und ich kaiin sie jeden Augen- 
blick im Originale desGod. Frid. Aug. nachweisen, woneben tu./ mit 
Häkchen das i nur mit dem feinen Mittelstriche ohne Häkchen , und 
gleichfalls neben r und y ohne Häkchen das f mit einem Häkchen 
an seinem feinen Mittelstriche gesetzt worden. Dies Verbällniss bat 
nun freilich Herr Prof. L. nicht im Entferntesten begriffen; darum 
machte er einen ganz irrigen Schluss für die auch von ihm nicht in 
Abrede gestellte, von mir gerügte Form des e. 

Fast noch übler stebts mit seinen Bemerkungen über das Y« 
Die von mir im Briefe gemachte Form ist nämlich wirklichen alten 
Palimpsesten entnommen , ich verwies dabei ausdrücklich auf meine 
Ane(;dota Tafel I, Nr. IX. Diejenige Form hingegen, welche Prof. 
Lepsius in seinem Briefe als dem Palimpsesten eigen anführt, ist 



81 

Wobl kctpitecb find kommt auch auf griecbisehen- Papyrus vor, aber 
in keinpr eiozlgen der hier allein in Betracht kommenden allen grie- 
cbischen Pergamentbaad Schriften./ Deshalb sab ich von der letztern, 
im Briefe des Herrn Prof. Lcpsius vom 11. Febr. mir beim Schreiben 
vor Augen liegenden Form ab und setzte diejenige näcbstver wandle, 
die wenigstens wirklich und nachweisbar in alten griechischen Per- 
gamenthandschriften vorkommt, nämlich die am Mittelslamme mit 
einer gewissen merklichen Basis, welche am gewöhnlichslen durch 
ein auf beiden Seiten hervortretendes Häkchen sich charakterisirl. 
Zu dieser Form nun bemerkt Herr Prof. Lepsius : „welches allerdings 
sehr auffällig gewesen wäre.*^ Ueber die Richtigkeit dieser ßemer^ 
kuog wird man schon lin Klaren sein. Die andere von Lepsius selbst 
referirte Form nämlich ist bei weitem auffälliger ; allein das klein.^ am 
Mittelstamme des Buchstaben, auf lien Seiten heraustretende Häkchen 
koante wobt im Paiimpsesten , wo die meisten Buchstaben wegen der 
Goineidir^den zweiten Schrift nicht ganz vor Augen treten, vorkom* 
Mfeen und von mir nicht bemerkt worden sein: darum. mochte ich dar* 
auf kein Gewicht legen. -Aber die als entscheideod in Betracht kom* 
mende und 'von mir in Betracht gezogene Form dieses Buchstaben 
ist die obere Partie , ist die in den beiden runden Flügeln ausgeprägte : 
dies nuss Herr Prof. L. völlig üi>crsehen haben. 

Nur aufs Kürzeste berühre ich noch die ^Lritik der beiden übri- 
gen Buchstaben, des jU und des a. Ueber das erstere schrieb mir 
Prof. L. schon am 1 1 . Febr. : „Das /e hatte uns einigen Anstoss ge- 
geben, lässt sich aber gleichfalls genau so nachweisen.*' Da diese 
Form also selbst Herrn Prof. L. Anstoss gegeben, so mag sie zu- 
näiehst unerörtert hieiben; aber d^n „Nachweis," natürlich einen 
so&cben der wicklich gelten kann, müsste ich mir jedenfalls erst 
ausbitteu... Heber die. Form des (x gab tnir Prof. L. am 15. Febr. 
e«Ä^ Erörterung, welche so anhebt: „Was sie vom « sagen ^, be- 

1. Bas* ist Folgendes: „Die Form des.« bezeichnen Sie gerade als 
die richtige ägyptisch -griechische. Oagegeo muss ich beuierkea, dass 
sie sich wohl der koplisch-griechischeti, wie eben das v auch, einiger- 
massen nähert, aber eben so sehr auch davon unterscheidet. Die kop^ 
tisch-griechische Form des c< ist stets unten nach der rechten Seite ge- 
schweift, wie sie ain schönsten in den alten Borgianischen Fragmenten 
des Job. £V. steht (obschon das Georgi'sche Facsimile höchst inangeihaft 
ist). Diese Ausschweifung fehlte ganz an den von mir gesehenen Formen 
bei Simonides, und ebenso weicht seine Form von der echten dadurch 
ab, (Hiss der Baucji gewöhtilich viel zu gross ist und zu hoch steht/' 

6 



*2 

zieht sich aof die kopttsehe und koptisch -griechische Form, nicht 
auf die ägyptisch -griechische, in dem Sinne, wie ich davon sprach/' 
Diese Erörterung führt ganz und gar nicht zum angestrebten Ziele. 
Offenbar hat hier der Umstand geschadet, dass Herr Prof. L. die Pa- 
pyrusschrift in £ine Kategorie mit der Pergamentschrift setzte , was 
auf einem grossen Irrthume beruht. Auch hier kann nur eins zum 
Ziele führen , nämiicb ein aus wirklichen Dokumenten geschöpfter 
Nachweis, dass mit den ältesten AlexandriiHSchen Formen, welche 
das Palimpsest des Uranios grösstentheils affektirt , solch eine eines- 
theils grossbauciug - runde , — wie ich sie auf dem mir vorgelegten 
Blatte gesehen — anderntiieils ganz steif gehaltene Form des a zu- 
sammengeht. Für die affektirte älteste Alesandfinische Pergament- 
Schrift erinnere ich noch an das a> im Uranios, das der Schreik>er hier 
absichtlich anders als im Hermas geformt hat. Die Uraniseh - SinM>- 
uidische Form steht im Cod. Frid. Ang. in meiner Ausgabe Tafel 1, 
Columne 4, Zeile 7 und 33. Nur hat Simonides dieselbe Form, die 
nur beim Ausgange der Zeilen zu stehen pflegt, ohne Rücksiehi 
hierauf angewendet, was ich gleichfsills schon am 23. Jan. Prof. Din- 
dorf bemerklich machte. 

So viel nur als vorläufige Andeutungen ; sie werden wenig- 
stens hinreichen, die „unaufgeforderten'^ gefährlichen Zuschrifteo 
und auch die sehr dankbar empfangenen Antworten darauf ins Licht 
zu setzen. Im Ganzen und Allgemeinen freilich war mein paläo- 
graphischer Staniipunkt zu der Untersuchung der Simonidiscben 
Palimpseste ein ganz anderer als der des Herrn Prof. Lepsius.~ Den 
seinigeu gab mir der Letztere mit den Worten an : „Da die Sehrlfl 
zwischen dem 2. und 6. Jahrhundert schwanken konnte, so hätte 
man, wenn der Uranios echt war, vielleicht einige Einzelnheitefi 
daraus lernen, aber nicht aus ihnen die Unechtheit beweisen können/^ 
Ich hingegen, das gesteh ich offen, hatte es auf das paläographi- 
sche Lernen bei der Prüfung der Simonidiscben Palimpseste keinen 
Augenblick abgesehen. Ich sah sie, wozu der Charakter eines so 
berühmten Fälschers — auch ohne Lykurgische Enthüllungen — 
vielleicht mehr einlud als zu jenem Lernen, nur darauf an, ob die 
Schrift wirklich den Eindruck der Echtheit mache und also densel- 
ben Gesetzen oder Grundsätzen entspreche, wornach die hundert 
anderen von mir schon gesehenen und benutzten pergameotenea 



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Unzialbandschriften ^ vom höchsten Altcrthume geschrieben sind. 
Jede AbweiGhung vom Charakter der letzteren steigerte meine Zwei- 
fel, und so bedeutende Abweichungen zusammen, theils an sich 
irrig , theils einen inneren Widerspruch , also eine innere Unmöglich- 
keit begründend^ lieferten mir den unumstösslichen Beweis der Un- 
echtheit. Damit stimmt es augenscheinlich sehr schlecht zusammen, 
wenn man anderwärts wirklich in der Erwartung gestanden haben 
sollte, aus einem Palioipsesten des Simonides aus Symi griechische 
Paläograpbie zu lernen. 

Ueber andere in den Berichten schon von mir angedeutete Be- 
weise gegen die Echtheit der Simonidischeq Palimpseste schreibt 
Prof. LepsittS am 1 5. Febr. : „für uns und das Publikum hätte auch 
das, was Sie vom Hermas -Palimpsesten und vom Pergamente sagen. 



f. Prof. Lepsius legt öfters darauf Gewicht, dass Simonides „ua- 
turiich echte Vorbilder*' hatte. Dagegen ist mir höchst wahrscheinlich, 
dass Sim. seine Unzialschrift viel weniger aus alten Originalien gelernt, 
welche ja überall auf den europäischen Bibliotheken von der höchsten 
Seltenheit sind und keineswegs so leicht zum Studium überlassen wer- 
den, als aus Montfaucons Paläofraphie und ähnlichen Büchern. Hier 
finden sich nämlich in der That die meisten der paläographischen Fehl- 
griffe des Sim. in schlechten Facsimiles vorgebildet. Dazu kommt, dass 
SIm. nicht wusste, dass die Papyrusschrift sich wesentlich und constant 
von der Pergamentschrift unterscheidet, sowie auch, dass man verschie- 
denartige alte Formen nicht beliebig zu Einer Schrift verschmelzen kann. 
Wie wenig er sich damit in den Augen der meisten Beurtheiler gescha- 
det, ist klar genug. Uebrigens mag Simon, eine ganz andere Meister- 
schaft in der griech. Minuskelschrift erlangt haben; denn dazu lagen 
ihm die echten Vorbilder Jahre lang auf dem Athos vor, und darin hat 
fif auch die allermeisten seiner Produkte verfasst. 

Solch eine Vorbildstafel für Simonides bei Montfaucon ist ganz be- 
sonders S. 214 (zum Theil auch S. \S8) gegeben. Wie schlecht aber 
diese Musterfacsimiles seien , kann Jedermann theils aus meinen eigenen 
edirten Facsimiles vom Cod. Ephr. , theils nach den der Baberschen Aus- 
gabe vorgedruckten Facsimiles vom Cod. Alex, beurtheilen. Zwischen 
diesen beiden alten Pergamentdocumenten befindet sich bei Montfaucon 
auch eine Papyrusschrift — aus ziemlich neuer Zeit , patristischen In- 
halts — facsimilirt. Da war also schon die vorbildliche Confusion der 
Pergamentschrift und der Papyrusscfarift nahegelegt, in die sich der 
Künstler und sein Bewunderer zu theilen scheinen. Das Facsimile des 
Cod. Ephr. bei Montfaucon legte dem Simonides auch sein verfehltes 
a nahe. Die wirkliche Form dieser Handschrift kann in der That als 
eine Brücke zur Simonidischen , nur eben noch in verzerrender Weise 
ausgebauten Form gelten. Aber das a des Cod. Ephr. schliesst auch 
die Noth wendigkeit einer Modifikation des sonstigen altern Systems, 
z. B. in den constant mit vollen Haken ausgeprägten Formen des t und 
y in sich, wovon im Simonidischen Palimpseste gerade das Gegentheil 
angestrebt vorliegt. 



'* — 84 

durchaus keine Beweisknifi gehabt/' Wa» das firsiece^ die Ver- 
gleichung mit dem Hernias-Palirapscsten betrifft, so bat sie freilich 
nur dann Gewicht, wenn zuvor die Fehlerhaftigkeit oder auch uur die 
— neue paläographische Aufschlüsse verheisseiMie — Eigenthümlich- 
keit der Stmonidischen Schrift vor Augen getreten ist. Dass in diesem 
Falle der daraus gewonnene Beweis doppelt stark wird, wenn sich 
dieselbe Eigenthüinlichkoit noch in einem anderen Simonidisehen 
Palimpsesten wiederfindet, der durch andere Srscheinungeh auf den 
ersten Blick um «lahrhunderle jünger wird: das sollte ich doch zu 
behaupten wagen. Was nun aber das Pergament betf ifil , so kann 
ich nicht umhin zu glauben, dass — ich spreche ganz objektiv — 
Jemand, der eine Pergamenthandschrift des 12, Jahrhunderts für 
eine des 2. Jahrh. halten kann, nachdem er, wenn auch nur zehn 
Handschriften des 4. odei 5. oder 6. Jahrh. ausser solchen des 1 1 . uud 
12. gesehen, auch nicht das geringste paläographische Urtheii be- 
sitze: wozu ich noch setzen niuss, dass dies noch in höherem Grade 
dann gilt, wenn es sieh um Palimpseste handelt. Aber auch das muss 
ich noch hinzusetzen, dass ich es nicht im Geringsien für eine Schande 
halten kann, wenn iigcnd ein grosser Gelehrter keine griechische 
Paläographie versteht; nur sollte ich meinen, ein solcher Gelehrter 
dürfe ehrlicher Weise sich für keinen Kenner und Meister derselben 
Wissenschaft ausgeben. 

Noch auf eiuc nahegelegte Parallele erlaube ich mir hinzudeu* 
ten , welche die Art der hier in Betracht gezogenen Polemik ins Licht 
setzen dürfte. Nachdem Prof. Lepsius am 6. Februar öAentlich die 
Meisterhaftigkeit der Simonidisehen Schrifl vertreten, und geleugnet 
dass sie dem Paläographeii auch nur zur Verdächtigung hiulänghchen 
Anhalt böte, schreibt er am 15. Febr., allerdings nicht Öffentlich: 
„andrerseits können wir jetzt Alle, und Sie vor Allen, an jedem 
' Buchstaben nachweisen, dass er in irgend einem Pünktchen von den 
uns* bekannten Vorbildern abweicht, was wir nun mit Bcchl dem 
Verfälscher ^ur Last legen." Dieses Gcständniss enthält offenbar 
die grösstc Genugthuung für mich, da ich eben gerade das hier an- 
erkannte Gegentheil von jener Meisterschaft von Anfang an behauptet 
halte. Au) 17. Febr. aber schreibt Prof. Lepsius wieder öffentlich 
(sföhe oben S. 77), seine schlagende Beweisführung von der Un- 
richtigkeit meiner Angaben in meinen unaufgeforderten Briefen über 



85 ' 

die Uranlds-ScbriftKügvi kvnne ;,ahstoBeii', bws-cli« v^rspVochene 
Broschüre des Herrn Prof. T. über die paläographischen Verstösse 
der Üraniosschrift erschienen sein wird." Hat dies nicht ganz den 
Schein, als ob die Meisterschaft dieser Schrift noch feststehe? Wie 
stehts nun mit dcfn Zwischenakte vom 15. Februar? 

Doch ich begnüge mich, für den Zweck dieser Bemerkungen 
den freundlichen Les«rn nur n<>ch eine Aufgabe zuzumuthen. Die 
Materie dieser Aufgabe liegt In folgenden drei Sätzen : 

1 ) „Die meisterhaft im Style der ersten Jahrhunderte nach Chr. 
geschriebenen Züge der Unzialschrift würdeii auch jetzt noch dem 
Paläographen keinen hinlän'glichen Anhalt für eine Verdächtigung 
darbieten." Dies schreibt nämlich Prof. Lepsius atn 6. Febr. 

2) „Mein Erstaunen war nicht gering, als ich schon nach wenig 
Minuten auf beiden Blättern eine Menge paläographischerEigenthüm- 
lichkeiten bemerkte, die mir als innere Widerspruche in dem Chafater 
ter der Schrift galten. Besonders waren es die Formen des f , des/t', 
des V und vollends die des a, welche ich als solche bezeichnen 
musste, die mir noch in keiner der vielen ähnlichen von mir gele- 
senen Handschriften des höchsten Alterthums vorgekommen waren.^* 
So lautet mein Bericht vom 3. Febr. 

3) „Herr T. beginnt nun noch eine nachträgliche Polemik 
gegen meine Anerkennung der paläographischen Geschicklichkeit 
des Simooides, die ja doch seiner von mir durchaus nicht in Zweifel 
gezogenen paläographischen Kennersehaft nur zur Folie hätte dienen 
können.** So schreibt Prof. Lepsius am 17. Februar. *^ 

Und die Aufgabe heisst nun: Wie kann die Anerkennung der 
Meisterschaft der Simonidischen Schrift mir selbst zurFolie der paläo- 
graphischen Kennerschaft dienen, indem ich das vermeifitlich Mei- 
sterhafte für stümperhaft erkläre? Wäre ich so glücklich gewesen 
diese Aufgabe zu lösen, so wäre ich um so viel Stunden reicher 
geblieben, als diese Erörterungea mir gekostet. Nun möchten sie 
wenigstens mit freundlicher Nachsicht gelesen werden. 

Ben 26. Mirz. ^ ^ 



i ^. 



Driißk Ton Ackermann u. Glaser in Leipcig. 



▼erlag von 0. L» Fritssehe tu L^ndc» 

ÄPPIANOH. ÄNÜNYMOI TPEIX. AFAeHMEPOl. TEMAXIA 
/tYO, Arriani periplos ponti Enxini. Anonymi periplns ponti Euxini, 
qui Arriano falso adscribitur. Anonymi periplus ponti Euxini etMaeo- 
^is Paludis. Anonymi mensura ponti Euxini. Agathemeri hypotyposes 
geograplhiae. Fragmenta duo geographica. Graece et latine additis 
H. Dodwelli, F. Osanoi aliorumque dissertationihns, atque Stuckii , Te- 
nulii, Vossii, Gronovii, Hudsoni« Bastii, Röhleri, Gailii filii, Letronaii, 
tum integris tnm selectis suisqno iwtis cdidit 8, F. Hoffmann, Dr. phil. 
8 maj. broch. Preis 2 Thir. 1842. 

Caspar! , G. F., Qrammatica Arlbioa, in tisom*schol|rum acade- 
micarum. Accedit brevis chrestomatbia ex codd. mscr. concinnata. 
184^ 8 maj. Preis 2 Thlr. 

Diatribe in Piatonis Politicum. Edid. God. Stallbanmius, Dr. Philos. et 
aa. Mag. Prof. Philos. extraord. design. Scholae Thomanae Rector. 
8 maj. broch. 1841. Preis 15 Ngr. 

Dietrich, Alb. , phil. Dr., cpmmentationes grammaticae duae. I. De lit- 
terarum in lingaa latina transpositione. II. De vocalibus latinis sub- 
jecta littera L affectis. 4. Lips. 1846. geh. 12 Ngr. 

Ldmrel, Joach. , Pytheas und die Geographie seiner Zeit herausgege- 
ben von J. Strasz^wicz. Nebst A. J. Lefronne's Untersuchung über die 
Erdmessungen der Alten und dessen Beurtheilung der Ansicht desHip- 
parchos über die südliche Verbindung Afrika's mit Asien. A. d. Franz. 
übersetzt u. m. einigen Anmerk. vermehrt von Dr. S. F. W. HoiTmann. 
Mit 3 Karten und Münzabbildungen. gr. 8. br. 1 Thlr. 1838. 

Maroiani, Periplus, Fragmentum MENIPPO vindicatum, quod hactenus 
\nomine ARRIANI atque ANONYMI Periplus uterqne Ponti Euxini, et 
Fragmentum ANONYMI Peripli Ponti Euxini. Ex nova recognitione, 
cum latina versione, H. Dodwelli dissertationibus Dav. Hoeschelii, 
J. Hudson i, aliorumque virorum doctorum adnotationibus additis, 
cum notis suis ediditS. Gull. F. Hoffmann, Dr. philos. 1 Thlr. 20 Nr. 1841. 

Mühlnuiiui , G. , Dr. phil., lateinische Grammatik für die unteren Klas- 
sen der Gymnasien. 8. brech. Preis 12 Vj Ngr. 1850. 

Repertoriam der class. Philologie und der auf sie sich beziehenden 
pädagogischen Schriften, herausgegeben von Dr. G. Mühlmann und 
Dr. Ed. Jänicke. Bd. II. 2 Thlr. 25 Ngr. Bd. III. 1. 1 Thlr. 7% Ngr. 
8. broch. 1846 und 1847. 

Stallbaimi, G., Prof., Rector, über den innern Zusammenhang musi- 
kalischer Bildung der Jugend mit dem Gesammtzwecke des Gymna- 
siuins; eine Inauguralrede, nebst biographischen Nachrichten über die 
Cantoren der Thomasschule zu Leipzig. 8. broch. 1842. 15 Ngr. 

das Griechieche und Lateinische in unseren Gymnasien und seine 

wfssenschaflliche Bedeutung für die Gegenwart; eine Schulrede, be- 
gleitet von einigen Bemerkungen über reformatorische Bestrebungen 
unserer Zeit. 8. Preis 10 Ngr. 

— Dr. G , de primordiis Phaedri Piatonis. 4. geh. 1848. Preis 6 Ngr. 

Thaoydidia de hello Peloponnesiaco libri VIII. Graece et latine. Gu- 
ravit G. A. Roch. Accedit index rerum memorabilium locupletissimus. 
8mij. br. 1845. 2 Thlr. 



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